Digitalisierung «Digital ist technologisch nicht limitiert»

Redakteur: Andreas Leu

Der «Grammy» ist der «Oscar» der Musikindustrie. Seit 1959. Seit 1994 wird zudem ein «Technical Grammy Award» vergeben. Dieser geht an Personen, die sich aus technischer Sicht um die Verbesserung von Tonaufnahmen verdient gemacht haben. 2021 ging der Technical Grammy erstmalig nach Kontinentaleuropa. Der Geehrte: Daniel Weiss aus Uster im Kanton Zürich.

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Daniel Weiss trug ab Mitte der 80er Jahre massgeblich dazu bei, dass digitale Aufnahmen auch digital bearbeitet wurden. Dafür wurde er mit dem Technical Grammy 2021 geehrt.
Daniel Weiss trug ab Mitte der 80er Jahre massgeblich dazu bei, dass digitale Aufnahmen auch digital bearbeitet wurden. Dafür wurde er mit dem Technical Grammy 2021 geehrt.
(Bild: Effekom AG, Romeo Hafner)

In der at – Aktuelle Technik wird in der Regel die Digitalisierung in der industriellen Umgebung thematisiert. Trotzdem ist dieser Exkurs in den Consumer-Bereich, präziser ausgedrückt der Unterhaltungselektronik, durchaus interessant. Während Anfang der achtziger Jahre die Compact Disc (CD) ihren Markterfolg feierte, steckte die Digitalisierung in der Industrie, sieht man von der SPS ab, noch in den Kinderschuhen. So wurden z. B. digitale Antriebsregler erst Anfang der neunziger Jahre im grossen Stil eingesetzt.

Der Schweizer Elektroingenieur Daniel Weiss leistete bei der Digitalisierung der Musikaufnahme Pionierarbeit und wurde mit dem Technical Grammy 2021 ausgezeichnet. Er gehört damit zu den wichtigsten Persönlichkeiten und steht in einer Reihe mit bisherigen Gewinnern wie dem britischen Tontechniker und (Beatles-)Produzenten Geoff Emerick sowie dem Synthesizer-Erfinder Robert Moog.

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Interessant ist deshalb das folgende Interview mit Daniel Weiss, welches die Firma Schurter durchgeführt hat.

Herr Weiss, ganz herzliche Gratulation zum Preis der Preise Ihrer Branche. Wie fühlt es sich an, seinen Namen in einer Liste mit Edison, Dolby und anderen «Giganten» zu lesen?

Wenn man diese Liste durchliest, dann erschrickt man schon etwas. Aber ich gebe es offen zu: Es fühlt sich richtig gut an.

Ich las, Sie seien nicht einmal besonders überrascht gewesen. War dem wirklich so?

Ja, ich wusste schon seit Jahren, dass sich Kunden von uns aus den USA für mich eingesetzt haben, dass ich auf diese Shortlist komme. Dieses Jahr haben ihre Bemühungen Früchte getragen.

Wie lief das damals in den 1980ern überhaupt ab? Wie kamen Sie auf diese Lücke in der Produktionskette?

Die CD war das erste digitale Audio-Wiedergabemedium überhaupt. Die Frage stellte sich also schnell mal, ob man den ganzen Bearbeitungsprozess (Kompressoren, Equalizer u. a. m.), nicht auch digitalisieren könnte. Aufnahmeseitig war man ja bereit. Zu jener Zeit waren D/A- wie auch A/D-Wandler nicht wirklich gut. Mit jedem Wandlungsschritt ging also ein Qualitätsverlust einher.

Ich arbeitete nach meinem Elektrotechnikstudium bei Studer-Revox. Im Digital-Labor. Wir waren dort ziemliche Exoten. Aber ich kam in Kontakt mit einem Mastering Engineer, also einem jener Männer, die Musikaufnahmen den letzten Schliff verpassen. Er war auf der Suche nach einem Interface zwischen zwei digitalen Audiorekordern. Standards gab es damals keine. Bitrate, Abtastfrequenz, der reinste Wildwuchs. Studer aber machte keine solchen Custom-Projekte, also verfolgte ich das Thema in meiner Freizeit. In Zusammenarbeit mit eben diesem Mastering Engineer, der genau wusste, worauf es ankam.

Der erste Schritt zur Selbständigkeit?

Genau. Zu Beginn übers Weekend noch den Lötkolben geschwungen, wurde rasch klar, dass das nicht gehen würde. Ich machte mich selbständig, gründete meine eigene Firma. Das Portfolio wurde erweitert. Modular. Aufgrund der fehlenden Standards war dieser Ansatz wichtig.

Wo blieben denn die grossen Studio-Ausrüster?

Nirgends. Die haben dieses Thema verpasst. Wir hatten nur einen Konkurrenten. Und ich darf mit Fug und Recht behaupten: Unsere Geräte damals waren schon richtig gut!

Wie kam man an die Kunden ran?

Dafür nutzte ich wieder die Kontakte und die Hilfe besagten Mastering Engineers. Er wurde zuständig für den Verkauf. Wir fanden in den USA einen tollen Distributor. Und die USA waren der mit Abstand wichtigste Markt fürs Mastering.

Sie setzten sehr früh auf volldigitale Signalverarbeitung. Was faszinierte Sie an der Digitaltechnik?

Digitaltechnik war damals etwas völlig Neues, etwas Spannendes. Bei Studer war das Digital-Labor ein Fremdkörper im analogen Universum. Aber ich machte von Beginn weg nur digital. Sie bietet einem auch enorme Möglichkeiten.

Was kann denn digital gut und was weniger gut?

Man muss hier abgrenzen. Ich möchte mich hier auf die Wandler beschränken. Die Qualität steht und fällt im Digital Audio mit jener der Wandler. Wenn man erst einmal ins Digitale gewandelt hat, steht einem alles offen. Theoretisch beliebige Präzision. Man kann eine Qualität weit jenseits der Analogtechnik erreichen. Natürlich benötigt das Rechenleistung und Speicherplatz.

Sie sagen, Digitaltechnik sei reine Mathematik. 12 + 12 = 102. Das gilt für alle Digitalprodukte. Wo kommen die Qualitätsunterschiede her?

Ihre kleine Addition hier stimmt schon. Aber die Sache ist doch um einiges komplexer. Nehmen wir einen parametrischen Equalizer: Hier verändern Sie Einsatzfrequenz, Filtergüte, Pegel. Das können Sie auf zig Arten machen. Die Wahl und Qualität der Algorithmen sind hier entscheidend. Und hier geht’s dann um Mathematik.

In Ihren Geräten sind Kombielemente von Schurter verbaut. Weshalb fiel Ihre Wahl auf Schurter?

Wir verbauen diese Geräteeinbaustecker mit Filter, übrigens Medical-Versionen, seit vielen, vielen Jahren. Wir sind absolut zufrieden damit. Sie tun genau das, was sie sollen und was wir brauchen. Eine saubere Stromversorgung ist bei digitalen Gerätschaften sehr wichtig. Sie reagieren auf EMV-Störsignale besonders heikel.

Das Etikett «Swiss Made» liegt uns aber auch am Herzen. Wir lassen unsere Prints hier in der Umgebung bestücken, die Gehäuse kommen von hier. Assemblierung, Abgleich und Test – das geschieht alles in der Schweiz.

Sie haben auch eine High-End-Linie aufgelegt. Ist es schwieriger, den Pro zu überzeugen oder den High-Ender?

Digital galt im letzten Jahrhundert ja noch als Ketzerei. Bei den «High-Endern» hat sich dies schon geändert. Sie benutzen heute auch Computer zum Streamen, sie haben ihre Scheu abgelegt. Es dauert jeweils einfach etwas länger.

Der Pro ist da viel pragmatischer. Zumeist weiss er auch technisch sehr viel besser, was hinter der Frontplatte abgeht. Die volldigitale Kette bleibt aber (noch) Wunschtraum: Am Ende hören wir immer analog.

Der digitale Schallwandler existiert nicht. Oder bauen Sie womöglich gerade einen?

Nein, das tue ich nicht. Aber es gibt sehr wohl Ansätze. Nur ist deren Erfolg bislang sehr bescheiden. mit HiFi hat das noch nichts zu tun.

Aber selbst mit dynamischen Tauchspulen-­Lautsprechern lässt sich noch sehr viel machen. Zumeist haben wir es ja mit passiven Systemen zu tun. Das ist meines Erachtens schon mal der falsche Ansatz. Ich plädiere für echte Aktivlautsprecher mit digitaler Frequenzweiche. Hier verschenken wir enorm viel Potential.

Haben echte Aktivlautsprecher überhaupt eine Chance, vom Markt angenommen zu werden? Philips bot bereits in den 1970er Jahren mit den Motional-Feedback-Lautsprechern geniale Systeme, deren Akzeptanz aber gering blieb. Damit konnte man seine «dicke» Endstufe ja nicht mehr herzeigen.

Das ist fraglos im Segment der High-Ender ein Problem. Im ProAudio-Bereich ist aktiv hingegen Standard. Seit Jahrzehnten. Ja, ich denke, solche Systeme haben eine gute Chance.

Wir arbeiten aktuell mit einem Schweizer Lautsprecherhersteller an einem volldigitalen Projekt. Wir bauen hierfür eine externe DSP-Frequenzweiche mit 2 x 4 Wegen, Cross­talk Cancelling und allem Pipapo inklusive Streaming. Mehr braucht dann niemand mehr.

Crosstalk Cancelling? Ich habe da etwas verpasst. Können Sie mir auf die Sprünge helfen?

Mit Crosstalk Cancelling wird versucht, die Schallanteile des linken Lautsprechers möglichst nur am linken Ohr auftreffen zu lassen. Dasselbe gilt entsprechend für den rechten Kanal. Ganz reduziert formuliert: Man versucht, einen Kopfhörer-Klang mit Lautsprechern im Raum zu simulieren. Wer das einmal gehört hat, wird sich schwerlich wieder mit dem alten Klangbild anfreunden können. Es findet aber im Gegensatz zum Kopfhörer keine In-Kopf-Lokalisation statt, sondern eine extrem breite Bühne öffnet sich vor dem Hörer. Breiter womöglich als der Hörraum. Idealerweise nutzt man dafür Kunstkopf-Aufnahmen. Mit der heute oftmals üblichen Multimikrofonie ist der Effekt nicht gleich gut.

Sie lagen schon mit der Digitaltechnik anno 1982 goldrichtig: Was wird der nächste grosse AV-Trend sein?

Schwierig. Ob’s zum Durchbruch reicht, wird sich zeigen. Aber im ProAudio-Segment ist aktuell 3D-Audio in aller Munde.

Bis zum Consumer kam dieser Trend noch nicht. Dort müht man sich noch mit Surround-Sound ab. Was muss ich mir unter 3D-Audio vorstellen?

Noch mehr Lautsprecher. Insbesondere auch oberhalb des Hörers platziert. Dolby Atmos ist etwa ein solches Format.

Nun gibt es aber neben den Kino-Leuten auch Audiophile, die sich ein solches Format für «audio only» wünschen. Der Aufwand ist aber gigantisch. Ein Dutzend Lautsprecher braucht man schnell. Plus die entsprechende Elektronik.

Ich denke, und ich hoffe, dass dem Ansatz mit Crosstalk Cancelling vermehrt Beachtung geschenkt wird. Denn eigentlich versucht man hier mit massiv reduziertem Aufwand, ein dem Konzert ebenbürtiges Klang­erlebnis zu generieren. Dazu bräuchte es dann aber besagte Kunstkopf-Aufnahmen. Oder aber die 3D-Aufnahmen lassen sich in ein binaurales Signal rendern. Dann reichen wieder zwei Lautsprecher aus.

Ketzerische Frage zum Schluss: Haben Sie persönlich noch einen analogen Plattenspieler in Betrieb?

Aber ja, natürlich. Sogar mehrere.

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