Künstliche Intelligenz verändert die Art und Weise, wie Kunst geschaffen und erlebt wird. Stehen wir am Anfang einer neuen künstlerischen Revolution? Oder am Ende der Kreativität, wie wir sie kennen?
Standbild aus dem Video-Werk «AI renders the world» von Kira Xonorika aus Paraguay (2023).
(Bild: Courtesy of Kira Xonorika)
Künstlerinnen, die mit Computern, Code, Hacking arbeiten, gibt es, seit es Codes gibt. Und doch hat die beinahe kambrische Explosion generativer KI, die wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben, in der Kunstwelt ebenso tiefe Schneisen geschlagen wie in vielen anderen Bereichen unseres Lebens: Seit Anwendungen wie Dall-E, Midjourney und Stable Diffusion so gut wie jedem und jeder zur Verfügung stehen, experimentieren Künstler und Gestalterinnen damit und begeben sich KI-unterstützt auf die Suche nach neuen Sujets und Bildsprachen. Mehr oder weniger direkt fliessen die Ergebnisse in künstlerische Arbeiten ein: Generierte Visuals werden von Hand auf Leinwand gemalt oder in Videos, Artificial-Reality- und Virtual-Reality-Arbeiten eingebettet.
Diese oft als KI-Kunst bezeichneten Schöpfungen werfen zunehmend die Frage auf, ob diese Maschinen per se kreativ sein können. Und ob sie in absehbarer Zeit Künstlerinnen, Designer und andere Kreative ersetzen könnten. In bestimmten Bereichen der angewandten Kunst, wie Illustration und Fotografie, ist das Ausmass der Umwälzungen bereits absehbar: Die Prozesse verschlanken, indem künstliche Intelligenzen einzelne Arbeitsschritte skalieren oder gleich ganz übernehmen, etwa wenn Sujets einer Fotografie vor einen anderen Hintergrund montiert werden sollen.
Doch wie sieht es mit der bildenden Kunst aus? Ein Anhaltspunkt könnte die historische Rolle der Fotografie sein: Sie befreite einst die Malerei von der Notwendigkeit, die Realität abzubilden, und ebnete damit den Weg für neue Kunstströmungen – angefangen mit dem Impressionismus und dem Kubismus. Ohne die Fotografie hätten uns weder Van Gogh noch Picasso neu sehen gelehrt. In diesem Sinne dürfen wir ruhig auch der generativen KI zutrauen, die Kunstwelt zu revolutionieren und total neuen Kunstformen den Weg zu bereiten. Wie könnten die ersten Schritte dieser Entwicklung konkret aussehen? Drei mögliche Antworten zeichnen sich ab:
1. Rückbesinnung auf die handwerklichen Aspekte des Kunstschaffens
In einer Welt, in der sich Künstlerinnen zuvorderst über innovative Ideen definieren, könnten generative KI-Tools das Augenmerk wieder stärker auf das handwerkliche Können in Malerei, Bildhauerei und Modellieren lenken.
Diese Perspektive ist zwar faszinierend, erscheint aber unwahrscheinlich. Denn in absehbarer Zeit werden weiterentwickelte KI auch selbstständig mit Pinsel, Papier und Leinwand umgehen können.
Schon jetzt experimentieren Künstlerinnen mit Malrobotern, die mit traditionellen Materialien hantieren.
Je besser dies gelingt, desto stärker steht die Bedeutung des künstlerischen Handwerks schon wieder infrage.
Kunsthistorisch betrachtet ist das nicht so neu, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.
Auch die Konstruktive Kunst, die Konkrete Kunst und die Minimal Art suchten nach Möglichkeiten, den menschlichen Gestus loszuwerden, Bilder und Objekte zu schaffen, die «industriell gefertigt» sind.
Und schon vor mehr als einem Jahrhundert wollten die Anhängerinnen der Avantgarde das kreative Genie abschaffen. Wenn wir das mit den neuen, generativen Anwendungen schaffen, wäre das also ganz im Sinne der Kunstgeschichte.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass genau das Gegenteil geschieht und die Künstlerin als Autorin noch wichtiger wird.
2. Neudefinition von Kreativität
Von der Zeit der Romantik, als wir das «singuläre schöpferische Genie» erfanden, bis heute, wo unsere Gesellschaft im Rahmen eines Kreativitätsdispositivs operiert, hat sich der Begriff der Kreativität ständig gewandelt. Eben noch sprachen wir von der Creative Economy und vom Creative Thinking, jetzt nutzen wir Artificial Creativity. In ihrem Wesen bleibt sie aber – genau wie die Kunst – ein ungelöstes Rätsel. Beides, Kreativität und Kunst, wird stetig diskursiv weiterverhandelt und lässt sich nicht abschliessend mit Definitionen und Axiomen beschrieben.
Auch hier erweist sich die generative KI als erstaunlich anschlussfähig, und auch hier liegen wesentliche Momente im Unbekannten: Wir wissen nicht im Detail, was in den vielen Schichten der künstlichen neuronalen Netzwerke geschieht, und werden es auch nie abschliessend wissen können. Aber wenn ein Diffusion Model im «Noise» des Latent Space – also im Rauschen aller höherdimensionalen Möglichkeiten – Bilder «erahnt», dann ist das vergleichbar mit dem Erleben einer Malerin vor der leeren Leinwand, die ihre Vorstellung auf die leere Fläche projiziert, um ihr dann mit Farbe und Pinsel Form zu geben.
Stand: 08.12.2025
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Der Minimal-Art-Künstler Robert Ryman, der nur weisse Bilder malte, nannte die weisse Fläche die «totale Empfindsamkeit». In seinem Sinne könnte man den Latent Space der KI als «totale Empfindsamkeit» der Maschine beschreiben. Und das Training einer KI mit Bildern aus der Vergangenheit entspräche dann der kunsthistorischen Bildung, der Erfahrung und den erinnerten Eindrücken einer Künstlerin.
3. Ecriture automatique als künstlerische Strategie
Bei den Surrealisten vor einem Jahrhundert findet sich eine künstlerische Strategie, welche «écriture automatique», «spirit writing» oder auch Psychographie genannt wird. Die Idee war, Text und Bild intellektuell unkontrolliert aus dem Unbewussten – oder dem Stream of Consciousness – zu schaffen. Diese Herangehensweise findet in der Nutzung generativer KI für die Kunstproduktion ein modernes Äquivalent. Dass eines der bekanntesten Text-to-image-Programme, Dall-E, nicht nur nach dem einsamen Roboter WALL-E, sondern auch nach dem berühmtesten surrealistischen Maler Salvador Dalí benannt ist, scheint kein Zufall zu sein. Dalí sah sich selbst als Medium und verlegte die Autorenschaft seiner Kunst in sein Unbewusstes und seine Träume. Seinem Einfluss als Künstler tat dies keinen Abbruch. Vielmehr zählt seit jener Avantgarde nicht mehr das handwerkliche Können und der persönliche Ausdruck einer Künstlerin, sondern die Idee, der Einfall.
Ganz ähnlich die Dadaisten: Sie wollten etwa zur gleichen Zeit den kreativen Gestus und die Autorenschaft des Künstlers loswerden. Das Mittel zum Zweck war die «composition selon les lois du hasard», also Kompositionen nach den Gesetzen des Zufalls. Dazu warf man eine Handvoll Cut-out-Formen auf den Boden und entschied, ob das eine interessante Komposition war. Falls nicht, wurde nachgeholfen. Wer würde heute in diesem Schaffensprozess nicht ein Pendant zum heutigen Prompt Engineering erkennen?
Wenn wir unsere KIs mit Befehlen füttern und gespannt darauf warten, was als Resultat herauskommt, so komponieren wir auch nach den Gesetzen des Zufalls – und wenn uns das Ergebnis nicht gefällt, ändern wir die Eingabe ab, um ein besseres Resultat zu erzielen. Wir korrigieren den Zufall, genau wie es die Dadaistinnen taten.
Diese Überlegungen zeigen, dass generative KI-Technologien nicht nur verschiedene Strömungen der Kunstgeschichte aufgreifen und wiederbeleben, sondern uns möglicherweise an die Schwelle zu einer neuen Ära der Kunst führen – einer Epoche, in der generative KI-Tools nicht nur als Werkzeuge, sondern als Partnerin im kreativen Prozess fungieren und zu Geburtshelfern für bisher unvorstellbare Formen der Kreativität werden.
Heute hilft KI in fast allen Wissensbereichen, Muster zu erkennen und daraus Bedeutung zu gewinnen. In der Zukunft könnte dies auch für die schönen Künste gelten. Wir sollten daher von einer Artificial Augmented Creativity sprechen – einer erweiterten Kreativität, die neue, zeitgemässe Avantgarden hervorbringt. Genau wie es die Fotografie vor rund zwei Jahrhunderten tat.