Weltpolitische Spannungen drohen zur Ursache für die nächste Disruption internationaler Lieferketten zu werden. Was das für die Versorgung mit elektronischen Komponenten bedeutet und welche Lösungsvorschläge es für die in Europa ansässige Industrie gibt, wird im folgenden Kommentar beleuchtet.
Für europäische Unternehmen besteht eine grosse Abhängigkeit vom Import von Halbleitern und elektronischen Bauelemente.
(Bild: Adobe Stock)
Fragile Lieferketten stellen seit Jahren eine grosse Herausforderung für europäische Unternehmen dar. Unabhängig von der Pandemie haben in den letzten Monaten besonders politische Spannungen und Handelsstreits grossen Einfluss auf den Welthandel. So nehmen Störanfälligkeiten von Lieferketten durch geopolitische Konfrontationen zwischen dem Westen auf der einen und China und Russland auf der anderen Seite immer weiter zu. Dazu gehören auch verstärkte isolationistische Massnahmen wie der Inflation Reduction Act in den USA und nun auch in Europa mit dem Net Zero Industry Act, dem Chip Act und dem Raw Material Act. Globalisierung und grenzenloser Welthandel, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten aufgebaut und als Wachstumsgarant verstanden haben, scheitern zunehmend an nationalen Interessen.
Just-in-Time-Produktion und engmaschige aufeinander abgestimmte Transportwege basieren auf eben diesem globalen Freihandelsgedanken. Mit zunehmenden Restriktionen durch einzelne Marktteilnehmer ergeben sich grosse Herausforderungen für weltweite Liefernetzwerke, die dadurch mehr und mehr zum geopolitischen Spielball der in Blöcke zerfallenden Weltwirtschaft werden. Europäische Unternehmen trifft dies besonders hart, da sie oft in grosser Abhängigkeit stehen – sei es für den Import von Rohstoffen oder Elektronik-Bauteilen wie Halbleitern oder auch den Export von produzierter Ware in internationale Abnehmermärkte. Deshalb ist es für sie besonders wichtig, wirtschaftliche Effizienz und Versorgungssicherheit neu zu definieren und Lösungen für wettbewerbsfähiges Handeln in der Zukunft zu finden. Dafür werden Unternehmen selbst ebenso wie die Politik gefordert sein.
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Re-Regionalisierung – eine valide Option?
Um möglichen Krisen vorzubeugen und im Ernstfall vorbereitet zu sein, müssen Unternehmen und Politik Hand in Hand arbeiten. Zuallererst sind strategische Massnahmen zur Gewährleistung von Versorgungssicherheit nötig. Nach mehreren Jahrzehnten, in denen Unternehmen ihre Produktion in Länder mit niedrigeren Lohnkosten ausgelagert haben, müssen diese sich nun ernsthaft überlegen, diese Schritte rückgängig zu machen oder zumindest einen Teil der Produktion wieder in Europa anzusiedeln.
Diese Re-Regionalisierung garantiert auf lange Sicht nicht nur die Versorgungssicherheit mit wichtigen Komponenten, sondern auch den Erhalt von wichtigem Know-How. Dieses ist der Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel in wesentlichen Teilen der Halbleiterproduktion mittlerweile verloren gegangen – ein Fehler, der nicht wiederholt werden darf. Und eines ist auch ganz klar: die Rückführung der Produktion nach Europa ist eine Mammutaufgabe. Eine regionale Produktion wird unweigerlich zu höheren Preisen führen. Die Politik muss hier sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene Rahmenbedingungen schaffen, die den Unterhalt von Produktionsstätten in Europa fördert, zum Beispiel durch den Abbau bürokratischer Hürden oder der Sicherung wettbewerbsfähiger Energiepreise.
Holistischer Ansatz für Planung von Wirtschaftsprozessen gefragt
Um die Situation kurzfristig zu entschärfen, können Unternehmen folgende Strategien entwickeln: Zum Beispiel die Diversifizierung von Lieferketten und den Aufbau grösserer Lagerbestände. Bereits während der ersten Pandemiephase haben Unternehmen damit begonnen, Lager auszubauen und Lieferengpässe durch grössere Eigenbestände aufzufangen. Diese Strategie bietet kurzfristig Nutzen, ist aber kein Allheilmittel und kann – wenn überstrapaziert – wiederum zur Verknappung von Produkten führen. Zudem befeuern diese Massnahmen die ohnehin hohe Inflationsrate und lassen die Preise steigen. Gerade bei dem Aufbau grösserer Lagerbestände ist also Taktgefühl geboten – keine Hamsterkäufe.
Benötigt wird eine holistische und langfristigere Planung von Wirtschaftsprozessen. Innerhalb von Unternehmen brauchen Entscheider die volle Übersicht über den Status der Produktion ebenso wie über die gesamte Lieferkette. Die Digitalisierung aller Prozesse ist ein Muss. Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren die Möglichkeit eröffnet, Prozesse noch genauer zu überwachen und eventuelle Engpässe oder Lieferverzögerungen sogar vorherzusehen. Das hilft Unternehmen, schneller und flexibler auf Veränderungen zu reagieren. Mit smarten Systemen zur Überwachung der gesamten Supply Chain können Unternehmen so einen entscheidenden Schritt zu mehr Handlungsspielraum gegenüber Lieferkettenstörungen erlangen. Zudem sollten Lieferketten regelmässig evaluiert werden. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass eine gut ausgearbeitete Diversifizierungsstrategie sich als entscheidend für die Krisenbeständigkeit eines Unternehmens erweisen kann.
Stand: 08.12.2025
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Vertrauensvolle Partner sind wertvoller denn je
Handel war von jeher ein Metier, in dem das Knüpfen von Beziehungen über Erfolg oder Misserfolg entschied. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem diese Weisheit wahrer denn je ist – trotz zunehmender Digitalisierung und Automatisierung von Abläufen. Angesichts wachsender Spannungen und Brüche im internationalen Weltgeschehen, sind Unternehmen ebenso wie Distributoren auf der Suche nach verlässlichen und vertrauenswürdigen Partnern, deren Werte sie teilen. Dies sehen wir im Phänomen des Reshoring zu sogenannten «Friendly States», also Wiederansiedeln in Nachbarstaaten mit ähnlichen politischen Werten, als Gegenreaktion zum Outsourcing, um Abhängigkeiten von China und Russland zu reduzieren.
Dieser Wandel zeigt sich auch in der Art und Weise, wie Unternehmen und Distributoren zusammenarbeiten. Für Firmen gilt nicht mehr nur die Devise «Know your Customer», sondern auch «Know your Provider». In schwierigen und von Unsicherheit geprägten Zeiten können Distributoren für Unternehmen wertvolle Partner sein. Deshalb ist es wichtig, dass Parteien nachvollziehbare Transparenzregeln und umfassende Risikoabschätzungen definieren, um die Anfälligkeit von Lieferketten zu reduzieren. Diese Schritte können die durch weltpolitische Spannungen auftretenden Lieferkettenprobleme nicht aus der Welt schaffen, aber sie sind eine wertvolle Strategie, um angesichts der schon eingetretenen ebenso wie der drohenden Probleme handlungsfähig zu bleiben.