Aus- und Weiterbildung Ist die Berufslehre in der Krise?

Aktualisiert am 05.01.2024 Von Andreas Leu 7 min Lesedauer

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Nebst den Pflegenden sind Fachkräfte mit einer Ausbildung in MINT-Berufen nach wie vor sehr gesucht, auch wenn sich die Auftragseingänge bei den Unternehmen etwas reduzieren. Wie lässt sich das Image der klassischen Berufslehre verbessern und welche Massnahmen müssten dazu ergriffen werden? Die at – Aktuelle Technik suchte mit einer Umfrage nach Antworten.

(Bild:  © industrieblick - stock.adobe.com)
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Leidet die klassische «Stifti» in der Schweiz unter einer Krise? Sind Eltern und Lehrpersonen auf dem Level der Grundstufen sowie Real- und Sekundarschulen genügend über die Möglichkeit unseres dualen Bildungssystems informiert? Diese Fragen wurden schon oft gestellt und auch immer wieder in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Wir fragten bei Spezialisten von Fachhochschulen und Berufsverbänden nach, wie der angeschlagene Ruf der Berufslehre mit der Option eines späteren Studiums wieder verbessert werden könnte. Die Antworten erhielten wir von Karsten W. Bugmann, Leiter HR Paul Scherrer Institut, Sonja Studer, Leiterin Bildung Swissmem, Prof. Heinz Eichin, Studiengangsleiter Systemtechnik Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, René Brugger, Präsident swissT.net und Christian, Riegler, VSAS-Leiter Ausbildungszentrum.

at – Aktuelle Technik: Viele Eltern finden die Berufslehre wichtig und begrüssen unser duales Bildungssystem – allerdings nicht für ihre Sprösslinge, sondern für die des Nachbarn. Für ihre eignen Teenager kommt nur ein Studium in Frage, um aus ihrer Sicht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Wie argumentieren Sie bei solchen Aussagen für den Weg eine Berufslehre einzuschlagen und sich möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt ein passendes Studium zu absolvieren?

Karsten W. Bugmann: Meine drei Jungs haben alle den Weg über die Berufslehre gewählt, zwei davon mit Berufsmatur und alle mit berufsbegleitender Weiterqualifikation, resp. Studium. Durch die Erfahrungen aus dem Berufsalltag reifen die Jugendlichen anders und intensiver heran als in der Kanti. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist geradezu perfekt für die eigene, kontinuierliche Weiterentwicklung – egal welchen Weg man wählt.

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Sonja Studer: Ganz klar: Eine Berufsbildung bietet die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Unsere Mitgliedfirmen suchen zwar vermehrt Mitarbeitende mit Tertiärabschluss. Dies sind aber nicht in erster Linie akademisch gebildete Spezialisten, sondern praxisorientierte, dual ausgebildete Fach- und Führungskräfte aus Fachhochschulen oder der höheren Berufsbildung. Aber letztlich sollte der Entscheid für Berufsbildung oder Gymnasium aufgrund der persönlichen Neigungen und Fähigkeiten und nicht aufgrund gesellschaftlicher Konventionen erfolgen.

Heinz Eichin: Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, besonders in den Berufen, die wir an der Hochschule für Technik ausbilden, erhöhen sich definitiv mit der Kombination aus Berufslehre, Berufsmatura und einem FH-Studium. Selbst wenn nach der Berufslehre kein Studium absolviert wird, stehen den jungen Talenten viele Wege offen, um sich in den Unternehmen als Fachkraft zu etablieren. Weiter haben die Absolventen einer Berufslehre auch in einem späteren Studium deutliche Vorteile, speziell in den Projekten und den Labors. Sie sind praktisches Arbeiten in Teams bereits gewöhnt.

René Brugger: Die Frage beschreibt eine Hypothese, die ich unterstütze. Die Berufslehre ist der direkte Einstieg in das Erwerbsleben. Ein hoher Praxisbezug und viele spannende Gestaltungsmöglichkeiten zeichnen den Berufsalltag aus. Die praktische und theoretische Ausbildung der Schweizer Berufslehre ist im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau und geniesst breite Anerkennung. Junge Menschen, die möglichst früh unabhängig sein möchten, wählen die Berufslehre. Sie führt schnell zu einem Einkommen, die eine wirtschaftliche Selbständigkeit ermöglicht. Zudem ist das duale Bildungssystem der Schweiz einzigartig und ermöglicht fast zu jedem Zeitpunkt den Einstieg in ein Hochschulstudium. Flexibler geht es nicht.

Christian, Riegler: Unser duales Bildungssystem lässt alle Wege offen. Das ist ein riesiger Vorteil für alle jungen Menschen, die vielleicht noch nicht bereit sind, sich für eine Richtung zu entscheiden. Dies gilt aber auch für diejenigen, welche ein genaues Ziel vor Augen haben. Denn auch bei einem späteren Studium, werden sich die Berufserfahrung und der Praxisbezug einer Berufslehre immer positiv auswirken, da diese den Berufsleuten aus einer akademischen Bildung oft etwas fehlt.

Welches sind aus Ihrer Sicht die Ursachen und Gründe, dass die Berufslehre, insbesondere bei den MINT- oder Pflegeberufen, trotz Fachkräftemangel in diesen Bereichen, an Bedeutung verloren hat und das Studium bei den Entscheidungen bevorzugt wird?

Karsten W. Bugmann: Wasser und Bildung sind im Wesentlichen die einzigen «Rohstoffe» der Schweiz. Wirtschaft und Gesellschaft brauchen bestens qualifizierte Leute in allen Berufen. Bei den Pflegeberufen ist nicht die Berufslehre das Problem, sondern dass sehr viele FaGe und Pflegefachleute kurz nach Ausbildung aus dem Beruf aussteigen. Es fehlt offensichtlich an der Passung im Berufsalltag nach der Lehre. Mittlerweile sind gemäss BfS ein Drittel (!) aller Arbeitnehmenden ohne Schweizer Pass. Das heisst, der Fachkräftemangel betrifft mittlerweile alle Berufe, einfach unterschiedlich stark.

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Sonja Studer: Die Vorstellung vom Arbeitsalltag in der Industrie beruht bei vielen Eltern und Jugendlichen auf Bildern aus der Vergangenheit, die wenig mit der heutigen Realität in einem MINT-Beruf zu tun haben. Hinzu kommt, dass die Berufswahl in einem Alter erfolgt, in dem die Jugendlichen sich stark an Geschlechterrollen orientieren. Gerade jungen Frauen scheint der Entscheid für eine technische Laufbahn zum Zeitpunkt der Studienwahl leichter zu fallen als im jüngeren Alter der Berufswahlphase.

Heinz Eichin: Oftmals wird ein Studium als prestigeträchtiger wahrgenommen als eine Berufslehre. Dies könnte dazu führen, dass ein Studium bevorzugt wird, obwohl eine Ausbildung ähnlich qualifizierend sein kann. Ganz sicher sind die Verdienstmöglichkeiten ebenso mitentscheidend – Absolventen von Hochschulen werden höhere Einstiegsgehälter erzielen als Absolventen von Berufslehren. Weitere nicht näher vertiefte Gründe können die zunehmende Akademisierung der Berufsfelder und die höher werdenden Erwartungen der Eltern sein.

René Brugger: Egal welche Branche: Wir sind mit unserem einzigartigen dualen Bildungssystem mittlerweile zu einer kleinen Insel im internationalen Ozean der Hochschulbildungswege geworden. Auf unserer Insel finden wir die Berufslehre als hervorragenden Berufseinstieg mit der Option des späteren Hochschulzugangs ohne Umwege. Der «Ozean» im Sinne der umliegenden Länder misst aus meiner Sicht der Berufslehre zu wenig wert bei. Unter anderem, weil danach, nicht wie bei uns, kaum zusätzliche Weiterbildungsmöglichkeiten möglich sind. Dazu kommt, dass die Hochschulen ihr Angebot in den letzten Jahren stark ausbauten und dies landesweit erfolgreich in die Wohnzimmer kommunizieren.

Christian, Riegler: Über die letzten Jahrzehnte hat sich bezüglich dieser Berufe ein falsches Image etabliert. Kaufmännische Berufe oder ein Studium gelten bei den Jugendlichen als attraktiver und mit besserer Aussicht auf eine berufliche Karriere.

Welche Massnahmen müssten ergriffen werden, um die Wahl für eine Berufslehre wieder attraktiver zu machen?

Karsten W. Bugmann: Das Wichtigste aus meiner Sicht ist die Sensibilisierung von Lehrpersonen und Eltern. Lehrpersonen, die typischerweise keine Berufslehre gemacht haben, müssen Berufswahl unterrichten – auf Basis welcher Kompetenzen und Erfahrungen?

Schliesslich wollen alle Eltern das Beste für ihre Kinder und besonders bei städtischem Hintergrund und Migrationsfamilien wird das Studium glorifiziert. Zentral ist weiter, dass Kinder und Jugendliche nicht nur den Schulalltag erleben, sondern praktische Erfahrungen machen können.

Sonja Studer: Die Arbeitswelt ist im Alltag der Kinder und Jugendlichen kaum präsent. Viele Lehrpersonen besuchen mit ihrer Klasse lieber ein Museum als ein produzierendes Unternehmen, so dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt den Schülerinnen und Schülern fremd bleiben.

Der Entscheid für eine schulische Laufbahn wird darum wohl oft schlicht vom Wunsch gesteuert, noch länger im vertrauten Schul­umfeld zu bleiben. Es muss daher gelingen, bei den Jugendlichen wieder mehr Neugier und Interesse an der Arbeitswelt zu wecken. Dafür müssen Arbeitswelt und Berufspraxis im Schulalltag besser sichtbar werden. Unternehmen können dazu beitragen, indem sie ihren Kontakt zu den Schulen und der lokalen Gemeinschaft stärken.

Heinz Eichin: Ganz sicher muss am Image gearbeitet werden – die Berufslehre wird oft als zweitrangig gegenüber dem Studium gesehen. Gezielte Image-Kampagnen können dazu beitragen, das Bewusstsein für die Möglichkeiten einer Berufslehre zu erhöhen. Ebenso sollte die Beratung deutlich verbessert werden, um Schüler über die Vorteile einer Berufslehre zu informieren, ebenso wie über die weiterführenden Möglichkeiten in einem aufbauenden Studium an einer Fachhochschule.

René Brugger: Ich selbst erlernte seinerzeit den Beruf des Elektromonteurs. Nach der Lehre habe ich in anverwandten Berufen gearbeitet und auf dem zweiten Bildungsweg über viele Jahre Schulen besucht, dabei verschiedene Fachrichtungen studiert. Darauf aufbauend führte ich viele Jahre global tätige Unternehmen und Unternehmensbereiche mit mehreren hundert Mitarbeitenden. In der Schweizer Wirtschaft mache ich mir zudem als Präsident eines Technologieverbandes einen Namen.

Meine Berufslehre war die richtige Absprungbasis. Im Innersten bin ich der «Handwerker» geblieben, der pragmatisch Ergebnisse sehen will und auf allen Ebenen auf Augenhöhe mit Menschen umgehen kann. Solche Geschichten braucht es, um den Wert der Berufslehre aufzuzeigen. Es bräuchte mehr Kommunikation mit Botschaftern, die den hohen Wert und die Coolness der Berufslehre erkennen lassen.

Christian, Riegler: Ein aktives Berufsmarketing durch die Berufsverbände sehe ich als ganz zentral. Durch Sensibilisierung und Motivation zu technischen Themen schon in jungen Jahren (Primar- und Oberstufe), werden die MINT-Berufe sicher attraktiver. Zudem sind eine Präsentation der technischen Berufe an den Berufsmessen für uns ganz wichtig. Unser Verband arbeitet daher stark mit an der Initiative "Faszination Technik". Jede neue Generation Jugendlicher durchläuft eine Veränderung gegenüber der «alten» Generation. Diese Veränderung beinhaltet immer Positives, aber auch weniger Positives. So sehe ich alle beteiligten Parteien der Berufsausbildung in der Pflicht, bewährtes zu erhalten, aber nicht weniger wichtig erachte ich den Punkt, offen zu sein für zeitgemässe und sinnvolle Anpassungen.

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