Forscher am Paul Scherrer Institut PSI haben eine künstliche Intelligenz entwickelt, die einen neuen, kostengünstigen Ansatz zur Identifikation genetischer Störungsmuster in Zellbildern eröffnen könnte – mit Potenzial für die Entwicklung neuer Medikamente.
Ein Blick in die Zelle soll genügen – die von PSI-Forschenden entwickelte KI erkennt genetische Störungen allein anhand der Chromatinstruktur im Zellkern (hier symbolisch in violett dargestellt).
(Bild: Adobe Stock)
In der modernen Medizin stehen die frühe Erkennung und gezielte Beeinflussung krankheitsrelevanter Gene im Zentrum therapeutischer Strategien. Besonders bei komplexen Erkrankungen wie Krebs, neurodegenerativen Leiden wie Alzheimer oder chronischen Entzündungen, die mit Alterungsprozessen einhergehen, liegt die Herausforderung nicht allein im Erkennen einzelner Gene, sondern im Verstehen ihrer Regulationsnetzwerke. Eine zunehmend anerkannte Schlüsselrolle spielt dabei die dreidimensionale Organisation der DNA im Zellkern – das sogenannte Chromatin.
Die Analyse solcher genetischer Veränderungen erforderte bislang aufwendige und teuere Genexpressions- oder Sequenzierungsverfahren. In einer im Magazin Cell Systems veröffentlichten Arbeit präsentieren Forscher um G.V. Shivashankar – Leiter des Labors für multiskalare biologische Bildgebung am Zentrum für Life Sciences des PSI und Professor für Mechano-Genomik an der ETH Zürich – sowie Caroline Uhler, Direktorin des Eric and Wendy Schmidt Center am Broad Institute und Professorin für Elektrotechnik und Informatik am MIT, nun einen neuen Ansatz: Gemeinsam mit den Nachwuchsforschern Daniel Paysan, Adityanarayanan Radhakrishnan und Xinyi Zhang entwickelten sie eine künstliche Intelligenz (KI) namens Image2Reg. Mit ihr lassen sich möglicherweise genetische Störungen und potenzielle Zielstrukturen von Medikamenten allein auf Basis einfacher mikroskopischer Aufnahmen vom Zellkern erkennen, wie sie etwa nach der blau fluoreszierenden Hoechst-Färbung vorliegen. «Die Verbindung von Bildgebung, maschinellem Lernen und molekularen Netzwerken kann am Ende einen diagnostischen und therapeutischen Zugang ermöglichen, der sowohl schnell als auch kostengünstig ist», erklärt Shivashankar.
Bildergalerie
So funktioniert Image2Reg
Zellbild-Analyse: Die KI erkennt subtile Strukturveränderungen im Chromatin mithilfe eines Convolutional Neural Network (CNN).
Netzwerkaufbau: Parallel entsteht ein zelltypspezifisches Netzwerk – basierend auf bekannten Proteininteraktionen und Genexpressionsdaten. Jedes Gen erhält dabei eine mathematische Repräsentation seiner Funktion im Zellgefüge.
Integration beider Ebenen: Mithilfe des Neural Tangent Kernel (NTK) werden Bild- und Netzwerkdaten zusammengeführt, um die Genaktivität sichtbar zu machen.
KI entwickelt ein «Auge» für Aktivität im Chromatin, …
Im ersten Schritt von Image2Reg (die Abkürzung steht für Image to Regulation, zu Deutsch: vom Zellbild zur Genregulation) nutzen die Forscher die Tatsache, dass sich die dreidimensionale Struktur des Zellkerns – gemeint ist das Chromatin, sprich die Verpackung der DNA – sichtbar verändert, wenn ein bestimmtes Gen in seiner Aktivität gestört oder experimentell übersteuert wird. In diesem Fall zeigen die Bilder oftmals sehr feine, aber systematische Veränderungen im Erscheinungsbild des Chromatins.
Die Forscher trainierten anschliessend einen lernfähigen Algorithmus – ein sogenanntes Convolutional Neural Network (CNN), eine auf Bildverarbeitung spezialisierte Form der künstlichen Intelligenz – darauf, diese Muster zu erkennen. Die KI entwickelte so ein «Auge» für die typischen Spuren, die eine Aktivität im Chromatinbild hinterlässt.
… baut ein Netzwerk aus zellulären Beziehungen auf…
Parallel zur Bildauswertung baut Image2Reg ein zelltypspezifisches biologisches Netzwerk auf, das beschreibt, wie Gene im Inneren der Zelle miteinander in Beziehung stehen. Dieses Netzwerk beruht auf zwei bewährten Grundlagen der Molekularbiologie: Zum einen auf bekannten Protein-Protein-Interaktionen – also darauf, welche Eiweisse miteinander in Kontakt treten und dabei biochemische Prozesse auslösen. Zum anderen fliessen Genexpressionsdaten ein – sowohl aus Einzelzellanalysen als auch aus klassischen Sammelmessungen, bei denen die Aktivität vieler Zellen im Durchschnitt erfasst wird. Diese Daten zeigen, welche Gene gleichzeitig aktiv sind und sich möglicherweise gegenseitig beeinflussen oder regulieren.
Diese Informationen werden schliesslich in einem Rechenmodell zusammengeführt. Das Modell verarbeitet die komplexen Verknüpfungen zwischen den Genen und erstellt daraus für jedes einzelne Gen eine Zahlenrepräsentation, die dessen Funktion, Rolle und Vernetzung im biologischen System widerspiegelt. Entstehen soll so eine Art «Regelbuch der Zelle», eine Beschreibung, welche Gene gemeinsam wirken, einander regulieren oder bestimmten Signalwegen zugeordnet sind – unabhängig davon, wie sie sich äusserlich im Zellbild zeigen.
Im letzten und entscheidenden Schritt bringt Image2Reg die beiden zuvor gewonnenen Erkenntniswelten – die bildbasierte Darstellung des Zellkerns und das molekulare Wissen über die Genvernetzung – miteinander in Verbindung. Dies geschieht mithilfe eines mathematischen Verfahrens, einer sogenannten Kernel-Maschine, genauer gesagt mit dem Neural Tangent Kernel (NTK). Dieses Modell lernt, wie sich die Zahlenmuster aus der Bildanalyse – also das, was das neuronale Netz aus dem Zellbild herausliest – mit den funktionalen Beziehungen der Gene im biologischen Netzwerk in Übereinstimmung bringen lassen.
Korrekte Vorhersagen weit über Zufallsniveau
Für das Training der KI standen den Forschern nahezu eine Million Einzelzellbilder zur Verfügung – ein Teil davon aus unbehandelten Kontrollzellen, der andere aus Zellen, bei denen gezielt jeweils ein Gen überaktiviert wurde.
Im anschliessenden Test sollte das Modell allein anhand der Zellbilder erkennen, welches von 41 möglichen Genen verändert worden war. Dabei erreichte die KI eine Genauigkeit von 26 Prozent. Sie konnte also bei jeder vierten Zelle korrekt bestimmen, welches Gen verändert wurde. Zum Vergleich: Nach dem Zufallsprinzip läge die Trefferquote bei rund zwei Prozent. Die Forschern werten dieses Ergebnis als klaren Hinweis, dass erkennbare Muster in der Zellstruktur existieren, die mit bestimmten Genen verbunden sind und sich mittels Bildanalyse erkennen lassen. «Es ist ein Brückenschlag zwischen Form und Funktion, zwischen Bild und Biologie», erklärt Caroline Uhler.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Noch steht das Image2Reg-Verfahren am Anfang. Doch es eröffnet eine Reihe praktischer und medizinisch relevanter Anwendungsmöglichkeiten. Viele Krankheiten – etwa Krebs, Alzheimer oder Autoimmunerkrankungen – entstehen durch Störungen in der Genregulation. Die Autoren sehen in Image2Reg ein Werkzeug, mit dem sich erkennen lässt, welche Gene durch eine Krankheit oder eine Therapie beeinflusst wurden – ganz ohne aufwendige experimentelle Analysen. Ziel ist es letztlich, mit diesem Verfahren, Krankheiten frühzeitig zu erkennen – lange bevor klassische Marker wie Proteine, RNA oder bekannte Symptome messbar werden.
In einem neugegründeten Start-up wollen die Forscher ihre Erkenntnisse nutzen, um eine Therapie für die bisher nicht heilbaren Fibrosen zu entwickeln. Bei diesem Krankheitsbild ersetzt der Körper funktionsfähiges durch narbenartiges, festes Gewebe. Dies führt langfristig zu einer Einschränkung der Organfunktion. Häufig betroffen sind die Lunge, die Leber oder das Herz.