Elektrifizierung, KI und softwaredefinierte Systeme verändern Testsysteme fundamental. Im Interview erläutern Ritu Favre, President Emerson Test & Measurement, und Markus Kohler von Datatec wie Modulare Plattformen, klare Architekturen und pragmatische Migrationsstrategien zu Erfolgsfaktoren werden.
Im Interview berichten Ritu Favre, Group President Emerson Test and Measurement und Markus Kohler, Vorstand Datatec AG was moderne Testsysteme auszeichnet.
(Bild: Datatec)
at - aktuelle technik: Welche technologischen Entwicklungen prägen den europäischen Test- und Automatisierungsmarkt derzeit am stärksten? Und wo sehen Sie Unterschiede zwischen den Anforderungen aus Sicht eines Herstellers wie Emerson und eines System- und Distributionspartners wie Datatec?
Ritu Favre: Wir sehen derzeit drei Entwicklungen, die den europäischen Test- und Automatisierungsmarkt besonders stark prägen. Zum einen nimmt die Produktkomplexität deutlich zu – getrieben durch Elektrifizierung, Konnektivität, moderne Sensortechnologien und softwaredefinierte Funktionen. Dadurch steigen die Anforderungen an Testsysteme, die heute flexibel, modular und skalierbar sein müssen. Testing begleitet nicht mehr nur einzelne Phasen, sondern den gesamten Produktlebenszyklus – von Design und Validierung bis hin zur Produktion. Zum anderen beschleunigt der rasante Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz diese Entwicklung zusätzlich. KI bringt neue Fähigkeiten mit sich, stellt Unternehmen jedoch auch vor zusätzliche Herausforderungen entlang des gesamten Entwicklungsprozesses. Zudem wird Test zunehmend zu einem integrierten Bestandteil digitaler Entwicklungs- und Fertigungsumgebungen. Kunden erwarten, dass sich Testsysteme nahtlos in ihre IT- und OT-Infrastrukturen integrieren lassen, sodass Testdaten über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg verfügbar und nutzbar sind. Als Technologieanbieter liegt unser Fokus auf einer flexiblen, modularen und skalierbaren Testplattform, die diese Anforderungen nachhaltig und zukunftssicher unterstützt.
Markus Kohler: Als System- und Distributionspartner erleben wir diese Trends sehr direkt in Kundenprojekten. Wir sehen, wo Unternehmen operativ stehen, welche Ressourcen fehlen und wo sich über die Jahre technische Altlasten aufgebaut haben. Diese Nähe zur Praxis verschafft uns tiefe Einblicke in reale Rahmenbedingungen wie Zeitdruck, Fachkräftemangel und gewachsene Systemlandschaften. Diese Perspektive ergänzt den strategischen Plattformansatz von Emerson. Während NI die technologische Roadmap definiert, besteht unsere Rolle darin, diese Konzepte in Lösungen zu übersetzen, die im täglichen Engineering- und Produktionsumfeld zuverlässig funktionieren.
Entwicklungszyklen werden kürzer, während Produktgenerationen immer komplexer werden. Welche praktischen Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell in Kundenprojekten, und wie ergänzen sich dabei die strategische Perspektive von Emerson und der umsetzungsorientierte Blick von Datatec?
R. Favre: Branchenübergreifend sehen wir, dass Testumgebungen immer heterogener und komplexer werden. Neue Technologien existieren häufig parallel zu Legacy-Systemen, mehreren Programmiersprachen und historisch gewachsenen Frameworks. Aus unserer Sicht besteht die zentrale Herausforderung darin, Plattformen bereitzustellen, mit denen Unternehmen diese Komplexität beherrschen können, ohne sich in starren Architekturen festzulegen. Die NI-Plattform bietet dafür eine langfristige technologische Grundlage, die Wiederverwendbarkeit, Skalierbarkeit und Standardisierung unterstützt. So können Ingenieur-Teams ihre Testsysteme weiterentwickeln, ohne bei jeder neuen Produktgeneration oder beim Einsatz neuer Technologien alles neu gestalten zu müssen.
M. Kohler: In Kundenprojekten liegt die Herausforderung häufig nicht in einem einzelnen Tool, sondern in der Gesamtumgebung. Parallele Technologien, hoher Zeitdruck und begrenzte Ressourcen erschweren es, Struktur und Konsistenz aufzubauen. Genau hier setzt unser Implementierungsfokus an. Wir unterstützen Kunden dabei, übergeordnete Anforderungen in konkrete Architekturen zu übersetzen, realistische Lösungswege zu wählen und Systeme zu entwerfen, die im täglichen Betrieb stabil bleiben. Gemeinsam mit NI entsteht so ein ausgewogenes Verhältnis zwischen strategischer Ausrichtung und praktischer Umsetzbarkeit.
Viele Testumgebungen kombinieren heute NI Labview, Python, SPS-Systeme und modellbasierte Tools. Welche Integrationsansätze empfehlen Sie, um solche heterogenen Architekturen zuverlässig und skalierbar aufzubauen?
R. Favre: Moderne Testumgebungen bestehen aus einem Mix verschiedener Hersteller, Programmiersprachen, Softwarelösungen und weiterer Tools. Testplattformen und Software müssen Integration ermöglichen, anstatt einen Ein-Sprachen- oder Ein-Tool-Ansatz vorzugeben. Unser Fokus liegt daher auf einer offenen, modularen Plattform, die es Unternehmen erlaubt, die jeweils passenden Werkzeuge strukturiert und beherrschbar einzusetzen.
M. Kohler: In der Praxis haben sich einige grundlegende Prinzipien bewährt. Entscheidend ist eine klare Modularisierung, bei der Hardwarezugriff, Geschäftslogik und Benutzeroberflächen sauber voneinander getrennt sind. Ebenso wichtig sind standardisierte Schnittstellen und APIs, um eine konsistente Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Technologien sicherzustellen. Ergänzt wird dies durch disziplinierte Prozesse für Versionsverwaltung, Deployment und Dokumentation. Wir unterstützen Kunden dabei, diese Integrationsstrategien passgenau für ihre jeweiligen Umgebungen umzusetzen – stets mit Blick auf Skalierbarkeit und langfristige Stabilität.
Viele Unternehmen stehen vor der Aufgabe, bestehende Testsysteme oder langjährig gewachsene NI-Labview-Frameworks zu modernisieren. Welche Ansätze haben sich bei Migration und Refactoring bewährt, und wo sehen Sie typische Stolpersteine?
R. Favre: Aus unserer Sicht geht es bei der Modernisierung weniger um einen vollständigen Ersatz bestehender Systeme als vielmehr darum, Weiterentwicklung zu ermöglichen. Erfolgreiche Migrationen erfolgen in der Regel schrittweise und risikobewusst. Plattformen und Tools müssen die Koexistenz von bestehenden und neuen Komponenten unterstützen, damit Unternehmen in ihrem eigenen Tempo modernisieren können. Klare Architekturprinzipien wie Modularität und standardisierte Schnittstellen sind entscheidend, um sicherzustellen, dass modernisierte Systeme langfristig wartbar und skalierbar bleiben.
Stand: 08.12.2025
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M. Kohler: In der Praxis beginnen erfolgreiche Projekte mit einer ehrlichen Bewertung der bestehenden Systemlandschaft. Es gilt zu klären, was wirklich kritisch ist, was tatsächlich genutzt wird und wo Risiken liegen. Auf dieser Basis lassen sich Prioritäten definieren und Migrationen schrittweise umsetzen. Typische Stolpersteine sind fehlende Dokumentation, starke Abhängigkeiten von einzelnen Experten sowie der Versuch, zu viele Änderungen gleichzeitig vorzunehmen. Mit einem strukturierten, evolutionären Ansatz lassen sich diese Risiken gut beherrschen.
Wie entwickelt Emerson modulare Plattformen wie NI PXI und synchrone Messarchitekturen weiter, um zukünftige Anforderungen wie Multi-Sensor-Setups, Sicherheit, hohe Kanalzahlen oder Hochgeschwindigkeitstests besser zu unterstützen?
R. Favre: Wir sehen branchenübergreifend eine steigende Nachfrage nach höheren Kanalzahlen, engerer Synchronisation und komplexeren Sensorkonfigurationen. Emerson entwickelt NI PXI und synchrone Messarchitekturen kontinuierlich weiter – mit einem klaren Fokus auf Zeitgenauigkeit, Determinismus und Skalierbarkeit, kombiniert mit softwaredefinierter Steuerung und Orchestrierung, die es ermöglicht, Systeme flexibel an sich verändernde Anforderungen anzupassen. Neben der Leistungsfähigkeit legen wir grossen Wert auf Produktionsreife. Dazu zählen Zuverlässigkeit, etablierte Kalibrierprozesse, Langzeitverfügbarkeit und ein vorhersehbares Systemverhalten. Ziel ist es, Kunden dabei zu unterstützen, Testsysteme von der Entwicklung bis in die Produktion zu skalieren, ohne Abstriche bei Robustheit und Wartbarkeit.
Testdatenmanagement und Konnektivität werden zunehmend zu Erfolgsfaktoren – oft unter dem Begriff „Digital Thread“ diskutiert. Wie unterstützen Emerson und Datatec Unternehmen dabei, Messdaten effizienter zu erfassen, zu strukturieren und in Entwicklungs- und Produktionsprozesse zu integrieren?
R. Favre: Aus unserer Sicht sind Testdaten ein strategischer Wert. Die NI-Plattform ist darauf ausgelegt, konsistente Datenstrukturen, Rückverfolgbarkeit sowie die Integration in Enterprise-Systeme wie PLM, MES oder Cloud-Umgebungen zu unterstützen. Dadurch können Unternehmen Testdaten nicht nur für einfache Pass-/Fail-Entscheidungen nutzen, sondern auch gezielt zur Qualitätsverbesserung und Prozessoptimierung. Wir sehen eine Zukunft, in der KI-Funktionen dabei helfen, relevante Testdaten schneller sichtbar zu machen, verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen und diese früher im Entwicklungsprozess einzusetzen. So können Teams bessere Produkte schneller, konsistenter und in höherer Qualität entwickeln.
M. Kohler: Wir unterstützen Unternehmen dabei, diese technologischen Möglichkeiten in praxistaugliche Lösungen zu übersetzen. Dazu gehören Beratung, Implementierungskonzepte und konkrete Anwendungsszenarien. Gemeinsam mit NI helfen wir Unternehmen, einen digitalen Thread schrittweise aufzubauen – mit einem klaren Fokus auf pragmatische und wertorientierte Ansätze.
In welchen Bereichen sehen Sie heute realistische Einsatzmöglichkeiten für KI, etwa bei Anomalie-Erkennung, automatisierter Testoptimierung oder Musteranalyse? Und wie verändert KI die Zusammenarbeit zwischen Testingenieuren, Entwicklern und Systemintegratoren?
R. Favre: Im Testumfeld muss KI einen klaren Mehrwert liefern. Aktuell liegen realistische Einsatzfelder vor allem in der Reduzierung des Engineering-Aufwands, der Beschleunigung von Debugging-Prozessen und der besseren Entscheidungsfindung auf Basis von Testdaten. Aktuelle Entwicklungen wie KI-gestützte Funktionen à la NI Nigel AI zielen darauf ab, Ingenieure in ihren täglichen Arbeitsabläufen zu unterstützen. Perspektivisch erwarten wir eine Weiterentwicklung von beratenden Funktionen hin zu leistungsfähigeren Assistenzsystemen. Gleichzeitig erleichtert KI die Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg, indem sie komplexe Testdaten zugänglicher und besser nutzbar macht – bei klarer Rollenverteilung, in der Ingenieure weiterhin die letzte Entscheidungs- und Vertrauensinstanz bleiben.
Welche Kompetenzlücken begegnen Ihnen bei Kunden am häufigsten, und wie unterstützt Datatec beim Aufbau entsprechender Fähigkeiten?
M. Kohler: Viele Teams verfügen über tiefes Anwendungswissen, haben jedoch Schwierigkeiten, dieses in moderne, modulare Testarchitekturen zu übertragen. Gleichzeitig nimmt die technologische Vielfalt stetig zu – von Python und NI Labview über SPS-Systeme bis hin zu Modellierungswerkzeugen und cloudbasierten Datenplattformen. Ohne gemeinsame Standards führt das schnell zu Reibungsverlusten. Hinzu kommt der anhaltende Fachkräftemangel, bei dem Wissen häufig auf wenige Personen konzentriert ist. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, Know-how systematisch aufzubauen – durch technische Beratung, Systembewertungen sowie Workshops und Schulungen. Dabei verfolgen wir einen pragmatischen Ansatz und zeigen auf, wie Unternehmen mit vorhandenen Ressourcen robuste und zukunftsfähige Testumgebungen schaffen können.
Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre: Welche Trends werden Test- und Automatisierungssysteme prägen, und wie bereiten sich Emerson und Datatec darauf vor?
R. Favre: Künstliche Intelligenz wird auch in den kommenden fünf bis zehn Jahren ein zentraler Treiber des Marktes bleiben. Die Technologie entwickelt sich weiter, und wir werden sie verstärkt in unsere Plattform integrieren, um Ingenieurteams mehr Freiraum für Innovation und Produktentwicklung zu geben. Auch Daten werden weiter an Bedeutung gewinnen, da immer mehr Unternehmen erkennen, welchen Wettbewerbsvorteil hochwertige Testdaten bieten. Testdaten sind weit mehr als reine Messergebnisse. Wenn es gelingt, auch den Kontext effizient zu erfassen, lassen sich Zusammenhänge erkennen und zusätzliche Erkenntnisse aus Tests gewinnen. Unternehmen, die ihre Teststrategien auf aussagekräftige, qualitativ hochwertige Daten ausrichten, können Entwicklungsprozesse besser vernetzen und ihre Marktposition stärken. Um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, führen wir fort, was uns seit 50 Jahren prägt: eine Plattform, die neue Technologien nahtlos integriert und Kunden dabei unterstützt, mit dem Wandel Schritt zu halten und eigene Innovationen voranzutreiben.
M. Kohler: Unsere Rolle sehen wir darin, Kunden durch diesen Wandel strukturiert und wirtschaftlich sinnvoll zu begleiten. Durch die Kombination aus technologischer Innovation der Emerson-NI-Plattform und unserer praktischen Umsetzungserfahrung schlagen wir die Brücke zwischen langfristigen Trends und den realen Anforderungen von Engineering-Teams.