In diesem Jahr wird die die Embedded Computing Conference am 2. Juni stattfinden. Im Interview berichtet Organisator und Sektionspräsident der SwissT.net Sektion Embedded Computing Hugo Ziegler über die Highlights der diesjährigen Veranstaltung und Keynote-Referent Reto Blum beschäftigt sich mit der Frage wie rational Ingenieure Entscheidungen treffen.
Reto Blum: «Gerade in komplexen Projekten werden Methodiken (z. Bsp. eine Nutzwertanalyse) oft unbewusst genutzt, um bestehende Überzeugungen zu bestätigen.»
(Bild: Reto Blum)
at-aktuelle technik: Was möchten Sie in diesem Jahr mit der Embedded Computing Conference (ECC) in der Schweizer Embedded Systems Community erreichen?
Hugo Ziegler: Vernetzen, sichtbar machen, Impulse geben. Wir möchten die Community noch stärker vernetzen und den Austausch zu intensivieren. Die ECC soll ein Ort sein, an dem man nicht nur Wissen konsumiert, sondern gemeinsam neue Ideen entwickelt. Unser Ziel ist es, die Innovationskraft der Schweizer Embedded-Branche sichtbar zu machen und gleichzeitig konkrete Impulse für aktuelle und zukünftige Projekte zu geben.
Was wird die Besucher in diesem Jahr erwarten?
H. Ziegler: Wie in der Vergangenheit, setzten wir auf ein bewährtes Format: kompakte Fachvorträge, kombiniert mit vielen Gelegenheiten für direkten Austausch. Dazu kommt eine spannende Keynotes, ein starkes Ausstellerfeld von Technologie-Dienstleitern und Lieferanten sowie natürlich die Möglichkeit, sich mit führenden Experten aus der Schweiz zu vernetzen.
Für alle, die noch nie an der ECC waren. Wie unterscheidet sich dieser Ansatz von traditionellen Business-Konferenzen, und warum ist dieser Fokus so zentral?
H. Ziegler: Die ECC ist keine klassische 'Manager-Konferenz'. Es geht nicht um Franken und Dollar, es geht eher um Bits und Bytes. Echte technische Inhalte stehen im Vordergrund. Die Teilnehmenden kommen, um neues zu lernen, Probleme zu diskutieren und Impulse für Lösungen zu bekommen. Dieser Fokus ist zentral, weil Embedded-Entwicklung ein Bereich ist, in dem Praxiswissen, Erfahrung und Austausch entscheidend sind. Die ECC schafft genau diesen Raum: offen, direkt, kollegial und fachlich tief.
Was sind die aktuellen Fragen und Problemstellungen, die die Embedded-Computing-Community momentan beschäftigt?
H. Ziegler: Die Branche bewegt sich in einem Spannungsfeld aus steigender Komplexität, immer kürzeren Entwicklungszyklen und steigenden regulatorischen Anforderungen. Themen wie Energieeffizienz, Security-by-Design, funktionale Sicherheit und Softwarequalität beschäftigen viele Teams. Gleichzeitig wächst der Druck, Systeme intelligenter, vernetzter und updatefähig zu machen — ohne Kompromisse bei Sicherheit, Zuverlässigkeit und Kosten.
Momentan werden in der Branche Themen rund um Edge AI diskutiert. Welche Rolle wird dieses Thema in diesem Jahr einnehmen?
H. Ziegler: Edge-AI und Machine Learning sind dieses Jahr recht prominent vertreten. Rund ein Viertel der Vorträge widmen sich diesem Thema. Ein Teil davon kommt von Seite Fachhochschulen und zeigt technische Möglichkeiten auf, andere Vorträge kommen aus der Industrie und sind Erfahrungsberichte aus der Produktentwicklung.
Welche weiteren Themen werden in diesem Jahr im Fokus stehen?
H. Ziegler: Neben Edge AI stehen Themen wie Embedded Security, Low-Power-Design, Echtzeitfähigkeit, moderne Softwarearchitekturen, Wireless-Technologien und FPGA im Programm. Und natürlich kommen auch die Dauerbrenner Toolchain und Methodik nicht zu kurz.
Welche Themen und Vorträge sind für Sie persönlich besonders interessant?
H. Ziegler: Persönlich interessiere ich mich stark für jene Themen, die Vernetzung und drahtlose Kommunikation von Systemen mit grosser Lebensdauer betreffen. Auf Grund der langen Betriebsdauer müssen solche Systeme schon heute auf Bedrohungen der Zukunft vorbereitet werden. Für mich ist es spannend zu erfahren, wie die Firmen damit umgehen.
Ein besonderes Highlight in diesem Jahr wird die Keynote von Reto Blum sein. Worum geht es dabei?
H. Ziegler: Viele Ingenieuren nehmen für sich in Anspruch, dass sie sehr rational und faktenbasiert entscheiden. Herr Blum wird in seinem Vortrag «Sind Ingenieure Mr. Spocks oder Homer Simpsons?» auf humorvolle Art darauf eingehen, wie der Entscheidungsfindungsprozess bei Menschen abläuft, wie uns unser Gehirn bereits bei der Informationsaufnahme austrickst. Wir dürfen uns auf einen spannenden und unterhaltenden Vortrag freuen, der sicher einige Anstösse zur Selbstreflektion bietet.
Informationen zur Embedded Computing Conference (ECC) 2026
In Ihrer Keynote werden Sie an der ECC2026 darüber sprechen, wie rational Entscheidungen von Ingenieuren und Ingenieurinnen sind. Was ist überhaupt eine rationale Entscheidung?
Reto Blum: Eine rationale Entscheidung ist gemäss klassischer Ökonomie eine Entscheidung, die konsistent, nutzenmaximierend, frei von äusseren Einflüssen und unter Berücksichtigung aller vorhandenen Informationen getroffen wird. Das Problem ist nur: Dieses Modell beschreibt eher Mr. Spock als uns Menschen. In der Realität treffen wir Entscheidungen nicht rein logisch oder eben rational, sondern unter Unsicherheit, Zeitdruck und kognitiven Limitationen (Biases) und wir verwenden so oft es geht Denkabkürzungen (Heuristiken). Was wir als rational bezeichnen, ist oft nur im Nachhinein rationalisiert. Unser Gehirn ist kein Taschenrechner, sondern ein Interpretationsorgan. Wir entscheiden zuerst intuitiv und begründen danach logisch – nicht umgekehrt. Echte Rationalität ist damit weniger ein Fakt als eine Illusion, die wir gerne aufrechterhalten. Aus Sicht der Verhaltensökonomie sprechen wir deshalb von „begrenzter Rationalität“. Wir sind deutlich weniger Mr. Spock und deutlich mehr Homer Simpson, als uns lieb ist.
In der Ingenieurausbildung wird vermittelt, dass wissenschaftliche Methodik zu besseren Entscheidungen führt. Ist das nur eine Illusion?
R. Blum: Nein – aber sie ist kein Schutzschild gegen Fehlentscheidungen. Wissenschaftliche Methodik ist ein extrem wertvolles Werkzeug. Sie hilft uns, strukturierter zu denken, Hypothesen zu testen und Fehler systematisch zu reduzieren. Aber sie ändert nichts daran, dass die Person, die sie anwendet, ein Mensch bleibt. Und dieser Mensch bringt seine Biases, Erfahrungen und Emotionen immer mit in den Prozess. Oftmals ohne, dass er/sie es sich bewusst ist und ebenso oft nicht vorsätzlich sondern unbewusst. Beispiel: Oftmals wird die Methodik bereits bei der Fragestellung verzerrt. Was wir messen, wie wir messen und was wir interpretieren, ist nie neutral. Gerade in komplexen Projekten werden Methodiken (z. Bsp. eine Nutzwertanalyse) oft unbewusst genutzt, um bestehende Überzeugungen zu bestätigen.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Wie gross ist der unbewusste Anteil in Entscheidungen von Ingenieuren bei Technikevaluationen, Projektentscheidungen oder Fehleranalysen?
R. Blum: Wenn wir ehrlich sind: erschreckend gross. Die Forschung zeigt, dass bis zu 95% unserer Entscheidungen unbewusst getroffen werden. Auch Ingenieure/innen sind davon nicht ausgenommen. Gerade bei komplexen technischen Entscheidungen greifen wir stark auf Heuristiken zurück, um der Komplexität managen zu können. Das passiert, weil unser Gehirn Energie sparen will und darum Komplexität reduziert. Bei Technikevaluationen entscheiden wir oft schneller, als uns bewusst ist. Bei Projektentscheidungen verlassen wir uns auf Erfahrungen, Bauchgefühl und Vergleichsmuster. Und bei Fehleranalysen neigen wir dazu, im Nachhinein eine scheinbar logische Geschichte zu konstruieren.
Welche kognitiven Verzerrungen (Biases) sehen Sie am häufigsten bei Ingenieuren? Gibt es spezifische Verzerrungen, die typischerweise zu technischen oder organisatorischen Fehlentscheidungen führen?
R. Blum: Ein Klassiker ist Overconfidence – die systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Das sehen wir besonders stark bei Experten, die sich in ihrem Gebiet sehr sicher fühlen und denken, dass Ihre Methodiken per se rationale Resultate garantieren. Dann haben wir noch den sog. Confirmation Bias – Wir suchen gezielt nach Daten, die unsere bestehende Hypothese bestätigen. Gerade in technischen Projekten führt das dazu, dass alternative Lösungen zu wenig geprüft werden. Ein weiterer häufiger Bias ist der sog Status Quo Bias – Bestehende Systeme/Zustände/Rahmenbedingungen werden bevorzugt, auch wenn bessere Alternativen existieren würden. Einfach weil wir den Ist-Zustand mehr schätzen als einen möglichen anderen (besseren), den wir aber nicht so gut kennen wie den Status Quo. Diese und einige weitere Biases sind dabei keine Ausnahmen, sondern systematische Muster unseres Denkens. Biases und Heuristiken sind also unser «Default» und rationale Entscheidungen eher die Ausnahme.
Unterscheidet sich das Entscheidungsverhalten zwischen erfahrenen Senior Engineers und jüngeren, digital-native Ingenieuren? Oder sind irrationale Muster universell?
R. Blum: Ja – und nein. Die grundlegenden irrationalen Muster sind universell und betreffen alle Menschen. Ein Senior Engineer ist nicht rationaler als ein Junior – nur anders irrational. Erfahrene Ingenieure verlassen sich stärker auf Heuristiken und Erfahrungswissen. Das kann enorm effizient sein – oder systematisch in die Irre führen. Jüngere Ingenieure hingegen vertrauen oft stärker auf Daten und Tools. Das klingt rationaler, führt aber häufig zu einer neuen Form von Overconfidence ausgelöst durch die verwendeten Technologien und Methodiken. Beide Gruppen haben also ihre eigenen 'blinden Flecken'. Der Unterschied liegt weniger im Grad der Rationalität als in der Art der Verzerrung (Biases & Heuristiken), denen sie erliegen.