HPO Konjunkturkommentar 4.Q. 2022 Aktuelle Konjunkturzahlen: Wachstumsdelle steht bevor

Von Anne Richter

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HPO Forecasting hat die neuesten Konjunkturzahlen veröffentlicht. Nach der Überhitzung schwingt das Pendel nun zurück, die erwartete Wachstumsdelle steht unmittelbar bevor. Frühzyklische Segmente des Maschinenbaus verzeichnen bereits stark abnehmende Neubestellungen.

Die neuesten Konjunkturzahlen von HPO Forecast weissen darauf hin, dass die erwartete Wachstumsdelle unmittelbar bevorsteht.
Die neuesten Konjunkturzahlen von HPO Forecast weissen darauf hin, dass die erwartete Wachstumsdelle unmittelbar bevorsteht.
(Bild: Adobe Stock)

Die Frühindikatoren sprechen laut HPO Forecasting eine klare Sprache: Eine Wachstumsdelle steht bevor und viele Länder werden 2023 in eine Rezession abgleiten. Aktuell wird eine Konstellation von Konjunkturindikatoren beobachtet, die gemäss HPO Modellrechnungen in den letzten Jahrzehnten stets zu einem konjunkturellen Abschwung führte. Vereinfacht auf den Punkt gebracht ist dies der Fall, wenn der Konsumzyklus seinen Höhepunkt erreicht hat und dieser damit den Industriezyklus nicht mehr stützt. In einer solchen Konstellation ist die Konjunkturlage instabil und anfällig für eine scharfe Korrektur.

Die Heftigkeit einer Krise ist von verschiedenen, recht unberechenbaren Faktoren abhängig die auch von HPO nicht beantwortet werden können: Welche weiteren Blasen von überbewerteten Vermögenswerten werden platzen? Wie werden die Regierungen auf die Konjunkturkrise reagieren? Werden (autokratische) Regierungen versucht sein, mit aussenpolitischen Abenteuern von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken? Werden die Notenbanken in einem garstigen Umfeld die Bekämpfung der Rezession oder der Inflation höher gewichten?

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«Wir leben in einer Zeit grosser Veränderungen»
Interview mit Josua Burkart

SMM: Welche Wirkung haben die aktuellen Konjunkturzahlen auf die Schweizer MEM-Industrie? Wie schätzen Sie die Lage ein?

Josua Burkart: In den letzten zwei Jahren erlebten wir in der MEM-Industrie eine Boomphase und das Vorkrisenniveau wurde weit übertroffen. Dieser Boom wurde hauptsächlich durch Stimulusmassnahmen der Regierungen während der Pandemie verursacht, doch diese temporären Stützungen und die expansive Geldpolitik sind ausgelaufen. Der Höhepunkt der Nachfrage in der MEM-Industrie wurde Mitte 2022 überschritten. Laut Swissmem sanken im dritten Quartal die Auftragseingänge in der Schweizer MEM-Industrie um 12.4% im Vergleich zum Vorjahresquartal. Absolut gesehen wurden die tiefsten Auftragseingänge seit Anfang 2021 verzeichnet, obwohl seither viele Unternehmen Preissteigerungen durchsetzten. Inflationsbereinigt ist der Rückgang beim Auftragseingang noch ausgeprägter. Glücklicherweise verfügen viele MEM-Unternehmen nach wie vor über hohe Auftragsbestände. Auch in den wichtigen Märkten Deutschland und USA wurde der Höhepunkt der Nachfrage, gemessen am Auftragseingang, überschritten. Das Momentum in der MEM-Industrie ist nun klar negativ und wir erwarten für 2023 eine weitere substanzielle Abnahme der Nachfrage. Die konjunkturellen Frühindikatoren sprechen eine so klare Sprache wie selten zuvor. Im kommenden Jahr wird es zu einer Wachstumsschwäche und in vielen Ländern auch zu einer Rezession kommen. Da die MEM-Industrie normalerweise besonders sensibel auf konjunkturelle Veränderungen reagiert, wird sie von einem globalen Abschwung auch stärker getroffen werden als andere Branchen.

Welche Möglichkeiten haben die Schweizer MEM-Unternehmen mit diesen Herausforderungen umzugehen?

J. Burkart: Die zyklische MEM-Industrie hat schon viele heftige Abschwünge erlebt und überstanden. Die Schweizer Unternehmen waren in der Vergangenheit zudem besonders gefordert mit dem starken Schweizer Franken. Die hiesige Industrie hat dazu schon führer Strategien entwickelt und sich auf Nischen mit besonders grosser Wertschöpfung konzentriert. Das stimmt zuversichtlich, auch wenn einzelne Firmen in Schwierigkeiten geraten werden. In dieser Phase ist es wichtig, gut auf die Liquidität zu achten und bei der Planung verschiedene Szenarien durchzuspielen. Eine Erfahrung der letzten zwei Jahre ist auch, dass die Volatilität der Nachfrage stark gestiegen ist – diese Volatilität wird uns wohl noch einige Zeit erhalten bleiben und Unternehmen müssen bereit sein, schnell zu reagieren, wenn der Wind wieder dreht. Wir leben in einer Zeit grosser Veränderungen, die teilweise kaum absehbar sind. Das birgt Gefahren, aber es eröffnen sich auch immer wieder grosse Chancen. «Never let a good crisis go to waste», stellte schon Winston Churchill fest. Das bedeutet, jede Krise, jede grosse Veränderung fordert uns heraus, aber Krisen bieten auch grosse Chancen für reaktionsschnelle und mutige Unternehmerinnen. Heute, wo wir Zeugen einer Vielzahl von Krisen und grundlegenden Veränderungen sind, bieten sich uns auch jede Menge Chancen. Jetzt ist die Zeit der Entrepreneure. Es ist nicht nur die Zeit der grossen Regierungen, sondern auch die Zeit der mutigen Unternehmerinnen, welche die sich entfaltenden Chancen erkennen, schaffen und ergreifen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Politik, bzw. welche politische Gestaltungsmöglichkeiten gibt es?

J. Burkart: In allen grossen Wirtschaftsblöcken beobachten wir eine Zunahme der Einflussnahme auf die Wirtschaft durch die Politik. Mit Subventionen, Regulierungen, Kreditgarantien und weiteren Massnahmen versuchen die Staaten, die Investitionstätigkeit der Unternehmen zunehmend zu steuern. Aus geopolitischen Gründen mag es opportun sein, mit Milliardensubventionen die Abhängigkeit von den asiatischen Halbleiterproduzenten zu reduzieren. Längerfristig birgt ein dirigistisches Wirtschaftsmodell aber grosse Risiken, denn die Gefahr von Fehlallokationen des Kapitals ist bedeutend. Die Politik hat keinen besonders guten Leistungsausweis im frühzeitigen Erkennen von technologischen Trends, das kann die Privatwirtschaft viel besser. Die Schweiz sollte bei diesem Trend der zunehmenden Einflussnahem der Staaten auf Investitionsentscheide nicht mitmachen und sich auf ihre klassischen Tugenden besinnen. Diese sind eine möglichst offene internationale Wirtschaftspolitik, ein flexibler Arbeitsmarkt mit hervorragend ausgebildeten Fachleuten sowie grosse Zurückhaltung bei Regulierung und Besteuerung. Der Staat soll für gute Rahmenbedingungen sorgen und die Standortfaktoren weiter verbessern, aber möglichst wenig Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Dort wo Regulierungen notwendig sind, beispielsweise im Bereich der Klimapolitik, sollten die politischen Vorgaben möglichst technologieneutral formuliert werden. Wir müssen nicht den Verbrennungsmotor bekämpfen, sondern den CO2 Ausstoss. Die Politik muss glasklar bei den Zielen sein (Reduktion der Klimagase), doch sollten wir es den hochqualifizierten und kreativen Ingenieurinnen und Unternehmern überlassen, ohne Scheuklappen die zur Zielerreichung besten und effizientesten Technologien zu entwickeln.

Wo sehen Sie die Chancen der Schweizer MEM-Industrie?

J. Burkart: Die vieldiskutierte Entkoppelung zwischen China und dem Westen birgt grosse Gefahren. Das allgemeine Wohlstandsniveau wird dadurch langfristig weltweit weniger stark wachsen als in einer offenen Welt. Kurzfristig kann diese Entkoppelung aber für die MEM-Industrie auch grosse Chancen bieten. Wenn auf politischen Druck oder aus Risikoüberlegungen ausserhalb von China alternative Produktionskapazitäten aufgebaut werden, kann dies für die MEM-Industrie während längerer Zeit stützend wirken und sogar einen neuen Boom auslösen. Doch zuerst müssen wir nun die sich ankündigende Krise 2023 überstehen. Ein gutes Beispiel wo der Boom schon greifbar ist, ist die Halbleiterindustrie. Obwohl die kurzfristigen Wachstumsaussichten bei der Nachfrage nach Halbleitern aufgrund der Konjunkturdelle verhalten sind, werden enorme Summen in den Aufbau neuer Produktionskapazitäten in Asien, Amerika und Europa gesteckt, nicht zuletzt aufgrund der enormen Subventionen in allen grossen Wirtschaftsblöcken. -ari-

Höhepunkt der Inflation in den USA überschritten

In den USA betrug die Inflationsrate im Oktober 7,7 %, nachdem diese im September noch bei 8,2 % lag. Es kristallisiert sich heraus, dass die «Peak Inflation» in den USA im Juni erreicht wurde. Seither ging die Inflation das vierte Mal in Folge zurück. Trotz dieses Silberstreifens am Horizont sind Inflationsrate und Kerninflation immer noch viel zu hoch. Der Weg bis zum Inflationsziel von 2 % ist nach wie vor lang und steinig – und in Europa noch bedeutend beschwerlicher. In der Eurozone wurde die Inflation im Oktober das erste Mal seit Einführung des Euros zweistellig und erreichte 10,7 % nach 9,9 % im September. Diese Entwicklung setzt die Europäische Zentralbank unter Druck, die Leitzinsen weiter kräftig anzuheben. Gleichzeitig muss sie darauf achten, angesichts der aufgetürmten Staatsschulden keine erneute Eurokrise zu provozieren. Dies ist eine sehr knifflige Aufgabe und die Gefahr eines geldpolitischen «Unfalls» steigt. In der Schweiz ist die Inflationsrate mit zuletzt 3 % aufgrund der Frankenaufwertung, der geringeren Abhängigkeit von fossiler Energie und vielen staatlich festgelegten Preisen in der Landwirtschaft bedeutend tiefer.

Stimmungsindikatoren zeichnen düsteres Bild

Unabhängig von der Inflation geben die konjunkturellen Frühindikatoren keinen Anlass für Optimismus. Obwohl die Arbeitslosenquoten in den Industrieländern im historischen Vergleich nach wie vor sehr tief sind, ist die Konsumentenstimmung angesichts rasch steigender Preise und grosser geopolitischer Risiken so tief wie noch nie. In allen grossen Wirtschaftsregionen ist die Konsumentenstimmung weit im kontraktiven Bereich. Ausser in den USA sind in den grossen Märkten noch keine Anzeichen einer Trendumkehr erkennbar. Die Stimmungslage in den Unternehmen ist nach wie vor besser als bei den Konsumenten. Der Trend ist aber auch hier eindeutig nachlassend.

Rezession in den USA sehr wahrscheinlich

Weiter werden in den USA die 10-jährigen Staatsanleihen nach wie vor tiefer verzinst als die Staatsanleihen mit 2-jähriger oder 3-monatiger Laufzeit. Diese Konstellation bedeutet, dass die Investoren die kurzfristigen konjunkturellen Risiken höher einschätzen als die längerfristigen Gefahren. Diese unübliche Zinskonstellation erwies sich in der Vergangenheit als ein sehr treffsicherer Indikator für eine bevorstehende Rezession in den USA. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Wachstumsdelle in Europa noch ausgeprägter ausfallen wird als in Übersee. Das Wirtschaftswachstum in China liegt momentan weit unter dem langfristigen Trendwachstum. Ob die jüngst kommunizierten Erleichterungen bei den Covid-19-Massnahmen und im Immobiliensektor schon bald eine grosse Wirkung entfalten werden, muss angesichts der schlechten Stimmung im Land und dem zerstörten Vertrauen in den Immobiliensektor bezweifelt werden.

Deutscher Maschinenbau: Aufträge hoch aber rückläufig

Trotz mieser Stimmung in allen grossen Märkten ist der Auftragseingang im Maschinenbau in Deutschland nach wie vor vergleichsweise hoch. Das deutsche Statistikamt Destatis meldete für das dritte Quartal das zweite Mal in Folge einen leicht tieferen Auftragseingang als im Vorquartal. Das Niveau des nominalen Auftragseingangs liegt aber immer noch über dem Vorkrisenniveau von 2018 und 2019.

Spätzyklische Sektoren wie der Werkzeugmaschinenbau erleben wie erwartet nach wie vor eine starke Nachfrage. Der gleitende 12-Monatsschnitt des Auftragseingangs stieg in diesem Sektor das siebte Quartal in Folge. Frühzyklische Segmente wie die Textilmaschinenindustrie haben den Höhepunkt des Auftragseingangs aber gemäss Destatis Daten bereits Anfang 2022 überschritten. Wenn die Textilmaschinenindustrie schwächelt, hat dies in der Regel für den ganzen Maschinenbau eine starke Signalwirkung. In den USA ist die Nachfrage nach Maschinen im historischen Vergleich nach wie vor sehr hoch. Doch auch in Amerika sank der Auftragseingang gemessen am 3-Monatsschnitt das zweite Mal in Folge und der 12-Monatschnitt bewegt sich nur noch seitwärts und dürfte seinen Höhepunkt erreicht haben. -ari- SMM

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