Elektronikprodukte werden komplexer, Entwicklungszyklen kürzer und die Anforderungen an Lieferfähigkeit und stabile Lieferketten steigen. Für viele Schweizer Industrieunternehmen treffen dabei hohe technische und qualitative Anforderungen auf vergleichsweise geringe Produktionsvolumen und internationalen Kostendruck. Wie verändern diese Anforderungen das Zusammenspiel von Entwicklung, Industrialisierung und Fertigung von Elektronik?
Endmontage eines Geräts für die Medizintechnik am Cicor-Standort in Bronschhofen. Die Anforderungen an die Elektronikfertigung reichen heute über die reine Baugruppenfertigung hinaus und umfassen zunehmend auch Test, Integration und Gerätebau.
(Bild: Cicor Group)
Elektronik ist heute selten ein isolierter Bestandteil eines Produkts. Hardware, Embedded Software, Mechanik, Sensorik und Vernetzung bilden zunehmend ein Gesamtsystem. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Miniaturisierung, Energieeffizienz, Rechenleistung und Funktionsdichte. Dadurch müssen Wechselwirkungen zwischen Leiterplattenlayout, thermischem Verhalten, elektromagnetischer Verträglichkeit, Mechanik und Software stärker berücksichtigt werden.
Auch Themen, die früher häufig erst später im Produktentstehungsprozess betrachtet wurden, rücken zunehmend nach vorne. Cybersicherheit, Rückverfolgbarkeit, regulatorische Nachweise sowie Lifecycle-Management und Obsolescence-Management beeinflussen heute frühe Entwicklungsentscheidungen. Gleiches gilt für die Lieferkette: Bauteile werden nicht mehr nur nach technischer Eignung ausgewählt, sondern auch nach Verfügbarkeit, Lebensdauer und möglichen alternativen Bezugsquellen.
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Für viele Schweizer Industrieunternehmen ist diese Entwicklung besonders relevant. Darum muss schon während des Entwicklungsprozesses berücksichtigt werden, wie sich technisch anspruchsvolle Produkte zuverlässig fertigen und testen lassen und wie ihre langfristige Lieferfähigkeit abgesichert werden kann.
60 Jahre Cicor: Vom Leiterplattenhersteller zum paneuropäischen Elektronikpartner
Diese Meilensteine zeigen, wie sich Cicor seit 1966 entwickelt hat – welche Hürden das Unternehmen gemeistert, welche Höhepunkte es geprägt und welche Veränderungen seinen Weg bestimmt haben.
1966 – Start mit der Quarzrevolution: Cicorel S.A. entsteht in Renens bei Lausanne als Hersteller hochpräziser Leiterplatten für die Quarzuhrenindustrie.
1970 – Präzision für die Beta 21: Cicorel fertigt Leiterplatten für die Beta 21, eines der frühen Schweizer Quarz-Uhrwerke und etabliert sich früh in Miniaturisierung und Präzisionselektronik.
1981–1983 – Wachstum durch erste Übernahmen: Zwei Übernahmen in der Schweiz verdoppeln die Produktionskapazität.
1998 – Der Schritt an die Börse: Der Börsengang schafft neue Möglichkeiten für internationales Wachstum.
2000 – Expansion nach Asien: Mit Batam in Indonesien baut Cicorel die internationale Produktion aus und ergänzt sie um Kunststofffertigung.
2005 – Geschäftsmodell erweitert: Cicorel wird zu Cicor Technologies. EMS, Engineering und Test erweitern die Wertschöpfung.
2016 – Entwicklung und Fertigung rücken zusammen: Alexander Hagemann übernimmt als CEO; Cicor stärkt in Bronschhofen Produktentwicklung, Engineering und Fertigung.
Ab 2021 – Akquisitionen beschleunigen das Wachstum: Gezielte Übernahmen erweitern Kompetenzen, Kapazitäten und europäische Präsenz.
2024–2026 – Ausbau zum paneuropäischen Elektronikpartner
2026 feiert Cicor sein 60-jähriges Bestehen.
60years.cicor.com
Der Prototyp ist noch nicht serienreif
Viele Schwierigkeiten im Produktionsanlauf haben ihren Ursprung in frühen Designentscheidungen. Werden Erkenntnisse aus Fertigung, Test und Lieferkette erst spät eingebunden, können schlecht verfügbare Komponenten, kritische Toleranzen oder unzureichende Testkonzepte spätere Anpassungen erforderlich machen. In regulierten Anwendungen können davon auch bereits durchgeführte Verifikationen oder Zulassungen betroffen sein. Ein funktionsfähiger Prototyp ist deshalb noch kein serienreifes Produkt. Fertigbarkeit, Testbarkeit, Materialversorgung und reproduzierbare Prozesse müssen bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden. Hinzu kommen Rückverfolgbarkeit, Change Control und Ramp-up. Der klassische Ablauf «erst entwickeln, dann industrialisieren, dann produzieren» stösst bei komplexen Produkten zunehmend an Grenzen.
Industrialisierung und Fertigung rücken näher an die Entwicklung
Entwicklung, Test, Fertigung und Lieferkette werden heute früher einbezogen. Erfahrungen aus Produktion und Test können dadurch direkt in Entwicklungsentscheidungen einfliessen. Strukturierte New-Product-Introduction-Prozesse (NPI) und Change Control unterstützen diese Zusammenarbeit. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Elektronikfertigung. Qualität, Kosten und Liefertreue bleiben zentral, hinzu kommen Flexibilität, Rückverfolgbarkeit, Materialverfügbarkeit und Business Continuity, also die Fähigkeit, Produktion und Versorgung auch bei Störungen aufrechtzuerhalten. Werden Entwicklung, Beschaffung, Test und Fertigung auf viele Partner verteilt, entstehen zusätzliche Schnittstellen und damit zusätzlicher Abstimmungsaufwand. Wie eine solche Bündelung in der Praxis aussehen kann, zeigt ein Projekt mit einem europäischen Hersteller eines anspruchsvollen elektronischen Systems. Ziel war es, die Produktion zu skalieren und gleichzeitig Lieferanten und Schnittstellen zu reduzieren. Cicor unterstützte dabei neben der Elektronikfertigung auch bei Industrialisierung, Lieferkette, Test und Systemintegration. Gerade für Schweizer Industrieunternehmen kann die Verbindung kundennaher Entwicklungskompetenz mit einem internationalen Produktionsnetz deutliche Vorteile bieten, besonders bei kleinen bis mittleren Produktionsmengen.
Weniger Schnittstellen, weniger Risiken
Durch die Bündelung mehrerer Aufgaben bei einem Partner konnten im genannten Projekt Verantwortlichkeiten klarer zugeordnet und der Abstimmungsaufwand zwischen verschiedenen Beteiligten deutlich reduziert werden. Gleichzeitig liessen sich Risiken im Produktionsanlauf und in der Lieferkette verringern und die Voraussetzungen für eine skalierbare Produktionslösung schaffen. Das Beispiel zeigt zugleich, warum für die wirtschaftliche Betrachtung mehr als der reine Fertigungspreis entscheidend ist. Redesigns, Verzögerungen, Materialengpässe oder Probleme im Ramp-up können die Gesamtkosten über den Produktlebenszyklus beeinflussen. Time-to-Market, Risikobeherrschung und klare Verantwortlichkeiten gewinnen deshalb an Bedeutung.
Neue Rolle des Elektronikpartners
Elektronik, Software, Mechanik, Sensorik und Vernetzung werden weiter zusammenwachsen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Cybersicherheit, langfristige Komponentenverfügbarkeit und Obsolescence-Management. Auch Automatisierung und Rückverfolgbarkeit in Fertigung und Test gewinnen weiter an Bedeutung. Damit verändert sich die Rolle des Elektronikpartners vom klassischen Fertigungsdienstleister hin zu einem Entwicklungs-, Industrialisierungs- und Lifecycle-Partner. Hersteller können eigene Entwicklungsressourcen stärker auf Kerntechnologien konzentrieren, während Partner zusätzliche Verantwortung entlang des Wegs von der Entwicklung bis zur Serie übernehmen.
Der Blick über mehrere Jahrzehnte zeigt den grundlegenden Wandel: Früher stand stärker die Frage im Mittelpunkt, wie sich ein entwickeltes Produkt fertigen lässt. Heute beginnt die Verantwortung früher. Genau deshalb rücken Entwicklung, Industrialisierung und Elektronikfertigung enger zusammen. Gerade für Schweizer Industrieunternehmen kann dieses Zusammenspiel entscheidend sein: Es verbindet hohe technische und qualitative Anforderungen mit einer Fertigungsstruktur, die auch unter internationalem Kostendruck skalierbar bleibt.
Stand: 08.12.2025
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