Egal wie hoch, wie steil und wie alt – Bergbahnen sind in der Schweiz weit mehr als nur Transportmittel für Touristen. Sie sind auch ein Schaufenster einer technologischen Exzellenz und eine Visitenkarte für den Technologiestandort Schweiz. Der Artikel gibt einen überblick über die technologischen Meisterleistungen in der Schweiz.
Die Standseilbahn Schwyz-Stoos auf der Bahnstrecke. Die fassförmigen Kabinen mit automatischen Niveauregulierung ermöglichen, dass die Fahrgäste stets auf einer waagrechten Fläche stehen, während sich die Bahn fast senkrecht die Wand hochschiebt.
(Bild: Stoosbahnen AG, Luca Küng)
Wo andere Länder vor schroffen Felswänden und schwindelerregenden Steigungen kapitulierten, sahen Schweizer Ingenieure stets eine Herausforderung. Heute verfügt die Schweiz über das dichteste und spektakulärste Bergbahnnetz der Welt. Natürlich sind die Bergbahnen ein wichtiger Stützpfeiler für den Tourismus in der Schweiz. Aber sie sind noch viel mehr. Viele Bergbahnen sind Teil des öffentlichen Verkehrs und in den nationalen Tarifverbund integriert. Sie dienen zur Anbindung von Bergdörfern, denn viele Orte sind autofrei und nur per Seilbahn erreichbar. Die Bahn übernimmt hier die Funktion, die im Flachland die Strasse hat – inklusive Gütertransport. Ausserdem sind Bergbahnen in den oft strukturschwachen Bergregionen einer der grössten Arbeitgeber. Auserdem hat es einen demokratischen Aspekt: erst durch die Bahnen wurde die majestätische Bergwelt für die breite Bevölkerung zugänglich und nicht nur für Alpinisten.
Die Älteste: erste Zahnradbahn Europas auf die Rigi
Vor über 150 Jahren beginnt die Geschichte der Schweizer Bergbahnen mit dem Bau der ersten Bergbahn auf die Rigi. Genau am 21. Mai 1871 wurde die Vitznau-Rigi-Bahn eröffnet. Sie war die erste Zahnradbahn Europas und nach der Mount Washington Cog Railway die zweite weltweit. Der Ingenieur Niklaus Riggenbach erfand hierfür die Leiterzahnstange. Dabei greift ein Zahnrad unter der Lokomotive in eine stählerne Leiter zwischen den Schienen. Dies ermöglichte es erstmals, Steigungen sicher zu überwinden, an denen glatte Räder auf glatten Schienen hoffnungslos durchdrehen würden. Riggenbach gründete später die Maschinenfabrik Aarau. Heute wird das Erbe der Rigi durch moderne Triebwagen von Stadler Rail weitergeführt, doch die historische Infrastruktur bleibt ein Denkmal Schweizer Pioniergeistes. Die Rigi-Bahn war der Startschuss für den gesamten alpinen Tourismusboom.
Was auf der Rigi begann, gipfelte 1912 im ehrgeizigsten Projekt der Epoche: der Jungfraubahn im Berner Oberland. Sie führt von der Kleinen Scheidegg hinauf zum Jungfraujoch auf 3454 Meter über dem Meeresspiegel und wird als höchstgelegener Bahnhof Europas bezeichnet. Die Bahn überwindet fast 1400 Höhenmeter. Die Strecke ist eine technische Meisterleistung des Pioniers Adolf Guyer-Zeller. Sieben der neun Kilometer langen Strecke liegen im Tunnel, gesprengt in den massiven Fels der Hochalpen unter teilweise sehr harten Bedingungen für die Arbeiter. Die Bahn bewältigt Steigungen von bis zu 25 Prozent. Erst seit 1951 gibt es einen durchgehenden Zahnradverkehr. Zu Anfang wurde der letzte Abschnitt zum Jungfraujoch sowohl im Adhäsions- als auch im Zahnradbetrieb befahren. Dafür wurden spezielle Reibungs- und Zahnradlokomotiven benötigt und der Betrieb war sehr kompliziert.
Die steilste Standseilbahn der Welt: Stoosbahn
Im Kanton Schwyz befindet sich ein Wunderwerk der modernen Mechanik. Die 2017 eröffnete Stoosbahn überwindet eine Steigung von sagenhaften 110 Prozent 47,7 Grad. Das ist Weltrekord. Keine andere Standseilbahn ist steiler. Die Bahn führt von Schwyz in das autofreie Bergdorf Stoos. Das Besondere sind die fassförmigen Kabinen. Dank einer automatischen Niveauregulierung passen sich die Passagierabteile der Neigung an, so dass die Fahrgäste stets auf einer waagrechten Fläche stehen, während sich die Bahn fast senkrecht die Wand hochschiebt. Dieses Projekt wurde vom Innerschweizer Unternehmen Garaventa realisiert. Garaventa mit Sitz in Goldau ist der globale Gigant im Seilbahnbau und hat hier bewiesen, dass physikalische Grenzen verschiebbar sind.
Die Fahrt auf das Stanserhorn bei Luzern bietet ein weltweit einzigartiges Erlebnis: Stanserhorn-Bahn verbindet mit der Standseilbahn aus dem Jahr 1893 und der Cabrio-Bahn aus dem Jahr 2012 Geschichte und Moderne. Die Cabrio-Bahn ist die erste Seilbahn der Welt mit einem offenen Oberdeck. Besucher können hier mit nur wenigen Schritten fast 120 Jahre Seilbahngeschichte durchschreiten – beim Umsteigen von der Standseilbahn aus dem Jahr 1893 in die moderne Cabrio-Bahn aus dem Jahr 2012. Für die Cabrio-Bahn mussten neue technische Lösungen gefunden werden. Denn um das offene Deck der Cabrio-Bahn zu ermöglichen, durfte kein Tragseil über der Kabine verlaufen. Die Lösung war eine Pendelbahn mit zwei seitlich geführten Tragseilen. Diese Bauweise sorgt zudem für eine enorme Stabilität gegen Wind. Auch bei der Stoosbahn zeichnet Garaventa verantwortlich. Die Steuerungstechnik, das Gehirn der Bahn, stammt oft von spezialisierten Schweizer Firmen wie Sisag AG aus Altdorf, die sicherstellen, dass die komplexen Bewegungsabläufe millimetergenau und sicher funktionieren.
Stand: 08.12.2025
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Die Rundum-Aussicht: Titlis Rotair
Am Titlis steht die erste rotierende Luftseilbahn der Welt. Während der fünfminütigen Fahrt auf dem letzten Teilstück von Engelberg zum Gipfel des Titlis dreht sich die Kabine einmal komplett um 360 Grad. Die Rotation der Kabine ermöglicht allen Passagieren eine lückenlose Panorama-Aussicht auf Felswände, Gletscherspalten und die Gipfelwelt, ohne dass sie sich in der Kabine bewegen müssen. 1992 in Betrieb genommen ist es die erste drehbare Luftseilbahn der Welt. Ursprünglich hatte runde Grossraum-Gondel einen rotierenden Fussboden für das 360 Grad-Rundum-Panorama. Die Gondeln wurden im Jahr 2014 erneuert. Seitdem dreht sich die gesamte Gondel. Hersteller der Titlis Rotair ist Garaventa.