Intralogistik mit AMR, KI-gestützte Software für selbstständig lernende Roboter und Handling filigraner Teile – beim Open House der Martin Group haben 15 Unternehmen ihr Spektrum an Automationslösungen präsentiert. Fazit: Die Toolbox für Automationslösungen wächst und mit ihr die Möglichkeiten zur Automatisierung für mehr Produktivität und Flexibilität.
Laserscanner eines AMR von Seer Robotics – Symbol für autonome Helfer und den Fortschritt in Digitalisierung und KI-gestützten Systemen. Mit bewährten und neuen Technologiepartnern erweitern Martin Mechanic und Martin Systems kontinuierlich ihre «Toolbox» für Automationslösungen.
(Bild: Helfina)
Bright Dark Factory – mit dem Menschen und nicht ohne ihn
Maschinen an, Roboter an und ohne Menschen produzieren – das ist unter »Dark Factory« zu verstehen. Als bekanntestes Beispiel gilt die Fabrik des chinesischen Smartphone- und E-Automobilherstellers Xiaomi. Dass Produktionsstätten zu 100% automatisiert sind und ganz ohne Licht auskommen, weil ja kein Mensch dort mehr arbeitet, so weit sind wir in Deutschland, der Schweiz oder Österreich Stand heute noch nicht. Für Claus Martin, einer der Geschäftsführer und Inhaber der familiengeführten Martin Group, ist das Thema hochspannend, weil er sehr gut nachvollziehen kann, wie komplex, anspruchsvoll und kostenintensiv die Umsetzung der Dark Factory gewesen sein muss. «Das Beispiel Xiaomi ist sicherlich ein Meilenstein in der Automationstechnologie und wir können davon lernen. Aber für uns ist das dann doch zu «dark». Wir wollen die «bright»-Komponente, sprich den Menschen im Mittelpunkt wissen, also das Licht anlassen. Wenn wir für unsere Kunden Prozesse automatisieren, sehen wir in erster Linie nicht das Ziel, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn von Aufgaben zu befreien, die repetitiv, schmutzig, unproduktiv oder zu schwer sind. Mit all den Tools an Maschinenkomponenten in Hardware und in Software, die uns heute zur Verfügung stehen, können wir gerade kleinen und mittleren Unternehmen neue Perspektiven eröffnen. Nämlich Prozesse derart automatisieren, dass der «produktive» Roboter, ob stationär oder mobil, mit dem «flexiblen» Menschen, wo es notwendig und sinnvoll ist, Hand in Hand arbeiten kann.»
Mobilrobotik – die Buddies fürs tägliche Abholen und Hinbringen
2013 hat sich Martin einen AMR (Autonomen Mobilen Roboter) ins Haus geholt, ihn studiert und verschiedenste Einsatzgebiete getestet, um eine einfache, im Sinne von unkomplizierte Netzwerkintegration und Funktion beim Kunden zu gewährleisten. Eine Station beim Open House war deshalb auch ganz den AMR gewidmet und wurde von Marcel Sindlinger betreut, der anschaulich gezeigt hat, was die Mobilrobotik alles kann. Die AMR von Omron und Seer sind bei Martin Systems die Basis für die intralogistische Automation. Auf den AMR von Omron werden entsprechend der Kundenanforderung Racks, Lifte, Greifersysteme etc. aufgebaut, die den Maschine-zu-Maschine-Transport und vielseitige Anwendungen in der Zuführung-, Lager- und Arbeitsplatzbestückung ausführen. Die AMR von Seer Robotics, einem chinesischen Hersteller, sind neu im Programm der Standardautomatisierer Martin Systems. Sie setzt Sindlinger für die Bodenarbeiten ein, sprich für alles, was auf Euro-Paletten transportiert wird: «Wir haben verschiedene Seer-Modelle bei uns im Haus für Proof-of-Concepts getestet: Lasten bis zu 3 Tonnen haben sie autonom von A nach B gebracht und diese sicher und präzise ein- bzw. ausgelagert. Die Ergebnisse haben unsere Kunden überzeugt und auch das Preis-Leistungsverhältnis ist Top. Softwareseitig können wir beide Systeme, Omron und Seer, einfach und in wenigen Schritten in Prozesse und Netzwerke beim Kunden integrieren. Anpassungen an neue Aufgaben eines AMR, wie z. B. neue Räumlichkeiten, Fahrwege, Stückzahlen, Werkstücke etc. kann der Kunde dann selber vornehmen, ohne spezielle Programmierkenntnisse.» AMR sind bei Martin Systems im sechsten Jahr in Folge ein Wachstumssegment, für Sindlinger ein klares Zeichen, dass die AMR-Technologie branchenübergreifend bei den Kunden angekommen ist und in den nächsten Jahren die Nachfrage weiter zunehmen wird.
KI-Software eröffnet einfachen Einstieg in Automationsrobotik
Roboter sind das Sinnbild für Automation: 2024 wurden weltweit gut 540 Tausend Einheiten neu in Betrieb genommen, dreiviertel davon in Asien und rund 80 Tausend in Europa, so die Statistik von der IFR (International Federation of Robotics). Der gleichen Quelle zufolge wurden mehr als 24 Tausend Roboter eingesetzt, um Bearbeitungsmaschinen zu automatisieren. Fragt man direkt bei den WZM-Herstellern nach, haben sich in den letzten fünf Jahren die robotergestützten Turnkey-Lösungen im Schnitt mehr als verdoppelt, Tendenz weiter steigend, aus den bekannten Gründen. Diese Entwicklung bringt uns zur Intrinsic Innovation GmbH, einem Start-up-Unternehmen, das 2021 von Alphabet aus Google X hervorgegangen ist. Intrinsic hat ihre Europa-Büros in München und Zürich und dürfte noch den wenigsten in der Branche bekannt sein. Claus Martin hat General Manager Dr. Rainer Bischoff und Produktmanager Dr.-Ing. Thomas Dietz nach Nagold eingeladen, um genau das zu ändern. Denn was sie gemeinsam an einer Fertigungseinheit aus Fanuc-Robodrill, Fanuc-Roboter, Martin Systems-Automation der KI-gestützten Software von Intrinsic gezeigt haben, ist eine Innovation, die den Namen zu Recht verdient. Normalerweise sind Maschinen- und Robotersteuerung getrennt, sprich der WZM-Programmierer schreibt sein Zerspanungsprogramm, der Roboterprogrammierer das Programm des Handlings zum Be-/Entladen und zum Umspannen der Werkstücke. Dann wird geteached, eingefahren und der Prozess ist automatisiert. Ein Umrüstung auf ein neues Teil erfordert es jedoch, diesen Prozess zu wiederholen. «Mit der KI-gestützten Software für Robotik von Intrinsic ändert sich das grundlegend. Sie wird vielen Anwendern die Automationstechnologie mit Robotern leichter zugänglich machen, besonders bei den KMUs ohne grosse Budgets ist das ein Vorteil», ist Dr. Dietz überzeugt und führt aus: «In der Konstruktion wird einmalig ein digitaler Zwilling von Roboter und Maschine mit Arbeitsraum erstellt. Diese Daten werden dem Roboter bei der Inbetriebnahme eingespielt. Spannmittel, Greifergeometrie sowie Roh- und Fertigteile können einfach vom Anwender hochgeladen werden. Ab hier bringt sich der Roboter mit seinem hochentwickelten Bildverarbeitungsmodus und neuronalen Netzwerken selber bei, die Werkstücke zu erkennen, präzise abzuholen und abzulegen. In der Praxis wird die Programmierung anspruchsvoller Anwendungen mehr Menschen – mit und ohne tiefes Robotik-Fachwissen – zugänglich gemacht. Und weil eben keine erneute Inbetriebnahme nötig ist, nimmt das Umrüsten auf neue Teile im Schnitt nur noch 5 Minuten in Anspruch.» Die Robotik-Software von Intrinsic ist offen für viele Steuerungssysteme und kann einfach abonniert werden. Intrinsic hat sein erstes Produkt Flowstate, eine Entwicklungsumgebung für Automationslösungen im Jahr 2023 auf den Markt gebracht und unterstützt nun aktiv Lösungsanbieter wie Martin Systems bei der Implementierung seiner KI-Plattform in Schlüsselanwendungen wie CNC-Maschinenbedienung, Blechverarbeitung und Inspektion.
Stand: 08.12.2025
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Greifsysteme mit Vakuumtechnologie und Professor mit Value-Management
Das Unternehmen Schmalz aus Glatten im Schwarzwald und ist weltweit bekannt und führend für seine Vakuumtechnologie. Unabhängig davon ob der Kunde nur acht Gramm oder eine Tonne mit einem Volumenstromgreifer handhaben möchte, «nicht nur der Sauger, das ganze System muss passen», weiss Artur Bartel, Systemberater für die Vakuumautomation bei Schmalz und vor Ort beim Open House. «Wer seine Frontscheibe im Auto mal ganz genau anschaut, sieht manchmal Abdrücke der Sauger aus der Montage. Hier wurde der falsche Saugerwerkstoff verwendet. Der hinterlässt deshalb sichtbare Spuren, weil er sich an den Kontaktstellen mit dem Glas im Mikronbereich verdichtet. Das ist ein No-Go bei Anwendungen filigraner Komponenten wie medizintechnischen Teilen, Komponenten aus der Uhren- und Schmuckindustrie, Leiterplatten und Mikrochips! Hier ist ein nahezu berührungsloses und abdruckarmes Saugen ein absolutes Muss. Die Lösung von Schmalz für das automatisierte Handling kleiner und filigraner Teile ist ein schonendes Vakuumsystem mit max. 160 mbar und Polyoxymetylen Saugflächen für ein sicheres Aufnehmen und Ablegen, das als komplettes System an einen Roboter angeflanscht wird.» Schmalz pflegt seit gut 25 Jahren eine enge Partnerschaft mit Martin Mechanic und hat mit seiner Expertise zum Erfolg vieler Automationsprojekte mit Vakuumtechnologie massgeblich beigetragen.
Schliesslich ganz unautomatisiert hat Professor Erich Sigel mit seinem erfrischend direkten Vortrag auf sich aufmerksam gemacht. Er und sein 12 Mitarbeitende starkes Team sind Experten für Wertanalysen, beraten bei Restrukturierungen, Finanzen, Shopfloor-Management sowie Produktionssystemen und setzen gemeinsam die mit Methodik erarbeiteten Ergebnisse mit den Unternehmen um. Wie beispielsweise mit Fertigungsbetrieben, die ihre Prozesse und/oder Produkte optimieren wollen. Mit seinen 35 Jahren Praxiserfahrung bringt Professor Sigel das Problem vieler Unternehmen so auf den Punkt: «Wenn ich zu spät an die Kosten denke, gerate ich in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Spare ich zu früh, laufe ich Gefahr, dass Kreativität und Innovation auf der Strecke bleiben. Wertanalyse bzw. Value Management sorgen dafür, dass beides zur richtigen Zeit geschieht.» Neben der Beratungstätigkeit bildet Professor Sigel auch die Ausbildung zum VDI-zertifizierten Wertanalytiker an, eine Weiterbildungsmassnahme, die sich für ein Unternehmen durchaus auszahlen kann.
Jeder der anderen Open House-Partner Asyril, Fanuc, Festo, Keyence, Nikken, Nutek, Schunk, SEW, Walter Maschinenbau und Yamaha wäre noch einen Bericht wert, haben sie doch alle mit ihren Präsentationen und Exponaten fundiertes Wissen und interessante Weiterentwicklungen ihrer Produkte demonstriert. Das Fazit von Claus Martin nach zwei Tagen Open House ist durchweg positiv. «Ich bin überzeugt, dass einige Innovationen unseres Open House in so manchen Köpfen für Bewegung sorgen wird und – wer weiss – sogar den Weg in das eine oder andere Lastenheft findet. Wichtig ist, dass wir als Systemintegrator mit unseren Technologiepartnern wieder ein paar Tools mehr in der Toolbox wissen. Damit können wir zum Beispiel die »Dark Factory« für bisher untypische Anwendungen möglich machen. So oder so, wichtig ist, dass wir uns und unsere Kunden immer wieder einen Schritt voranbringen, um die passende Automationslösung auf die Beine zu stellen. Bringen wir die Dark Factory zum Leuchten – mit dem Menschen im Mittelpunkt!»
Hersteller
Die Martin Group, mit Martin Mechanic für individuelle Automationslösungen und mit Martin Systems für Standardautomation, beschäftigt an ihrem Stammsitz in Nagold gut 110 Mitarbeiter. Das seit 1967 familiengeführte Unternehmen ist spezialisiert auf Automationslösungen. Für einfache automatisierte Einheiten, komplexe Anlagen und ganze Fertigungsprozesse liefert die Martin Group als Systemintegrator von der Idee bis zur Umsetzung und Inbetriebnahme umfassende Services und Leistungen. Allgemeiner Maschinenbau, Medizin- und Präzisionstechnik, Lebensmittelindustrie, Logistik, Automobilzulieferer und Fertigungsbetriebe zählen zu den wesentlichen Anwenderbranchen. Schweizer Vertretung für die Martin Group ist die Helfina AG.