Der Digitale Produktpass (DPP) ist mehr als eine EU-Regulierungspflicht. Für die Schweizer Maschinenindustrie bietet er die Chance, Produktdaten lebenszyklusübergreifend zu vernetzen und Wettbewerbsvorteile durch Transparenz, Service und KI-Anwendungen zu schaffen. Der Artikel beschreibt, warum der DPP die Schweizer Maschinenindustrie weit stärker verändern wird, als viele Unternehmen heute vermuten
Abbildung 1: Informationsbausteine eines Digitalen Produktpasses. Der Digitale Produktpass bündelt alle relevanten Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus. Welche Informationen im Einzelnen bereitzustellen sind, wird künftig produktspezifisch durch die jeweiligen Delegated Acts der Europäischen Kommission festgelegt.
(Bild: Wernher van de Venn)
Kurzbio Prof. Dr.-Ing. Hans Wernher van de Venn
Prof. Dr.-Ing. Hans Wernher van de Venn ist ein international erfahrener Experte für Mechatronik, Automatisierung und industrielle Digitalisierung. Nach seinem Maschinenbaustudium und seiner Promotion an der RWTH Aachen war er mehr als zehn Jahre in verschiedenen Industrieunternehmen tätig. Seit 2005 lehrt und forscht er als Professor am Institut für Mechatronische Systeme der ZHAW in Winterthur, das er über 20 Jahre lang leitete.
Als Co-Initiator und Leiter des Kompetenzzentrums für Automation und Digitalisierung, einer Public-Private-Partnership mit der Industrie, entwickelt er innovative Lösungen für Industrie 4.0, digitale Zwillinge und KI-gestützte Produktionssysteme. Seit 2026 ist er zudem Präsident und Scientific Director des European Institute for Robotics, Automation & Resilient Systems (EIRAS).
Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die indust-rielle Praxis. In europäischen Forschungsnetzwerken entwickelt er Zukunftsstrategien für eine intelligente, nachhaltige und resiliente Produktion und gestaltet die europäische Forschungs- und Innovationsagenda aktiv mit. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem Swiss Technology Award und dem Robotics Award der Hannover Messe ausgezeichnet.
Wenn Informationen fehlen, wird die beste Maschine zum Problem
Eine Produktionsanlage steht seit über zehn Jahren zuverlässig im Einsatz. Nun fällt eine Baugruppe aus. Der Servicetechniker identifiziert das defekte Bauteil schnell, doch dann beginnt die eigentliche Herausforderung. Welche Ausführung wurde ursprünglich verbaut? Wurde die Komponente im Rahmen einer Wartung bereits ersetzt? Ist die installierte Softwareversion mit dem verfügbaren Ersatzteil kompatibel? Existiert vielleicht bereits eine technische Serviceinformation oder eine aktualisierte Betriebsanleitung? Die Antworten existieren. Nur sind sie nicht dort verfügbar, wo sie benötigt werden. Im ERP-System, im CAD-System, in einer Service-Datenbank, in E-Mails, PDF-Dokumenten oder auf einem Server, den heute kaum noch jemand kennt. Während die Maschine stillsteht, suchen verschiedene Mitarbeitende nach Informationen, die längst existieren, aber nicht dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden. Diese Situation ist in der Industrie keineswegs ungewöhnlich. Sie zeigt ein Grundproblem moderner Wertschöpfung: Nicht der Mangel an Daten ist die eigentliche Herausforderung, sondern deren Verfügbarkeit, Konsistenz und Nutzbarkeit über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts. Genau an dieser Stelle setzt der Digitale Produktpass (DPP) an.
Noch vor wenigen Jahren wurde der DPP als Zukunftsthema diskutiert. Heute hat sich die Situation grundlegend verändert. Mit der ESPR (Ecodesign for Sustainable Products Regulation der EU) ist der regulatorische Rahmen geschaffen. Gleichzeitig verlangen internationale Lieferketten zunehmend strukturierte Produktinformationen, während datenbasierte Services und industrielle KI immer stärker an Bedeutung gewinnen. Der DPP entwickelt sich damit von einer regulatorischen Anforderung zu einer strategischen Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit.
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In der öffentlichen Diskussion wird der DPP häufig auf seine regulatorische Bedeutung im Rahmen der europäischen Nachhaltigkeitsgesetzgebung reduziert. Tatsächlich ist er jedoch weit mehr als eine neue Dokumentationspflicht. Richtig verstanden bildet er die Grundlage für einen durchgängigen Informationsfluss entlang des gesamten Produktlebenszyklus, von der Entwicklung über Produktion und Betrieb bis hin zu Modernisierung, Wiederverwendung und Recycling.
Für die exportorientierte Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist diese Entwicklung besonders relevant: Strukturierte und vertrauenswürdige Produktinformationen werden zunehmend zur Voraussetzung für den Zugang zu internationalen Kunden und Lieferketten. Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob sich Unternehmen mit dem Digitalen Produktpass beschäftigen sollten. Entscheidend ist vielmehr, wie sie den Digitalen Produktpass nutzen können, um ihre Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.
Auslöser für den Digitalen Produktpass ist die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) der Europäischen Union. Als Teil des europäischen Green Deal schafft sie den rechtlichen Rahmen für nachhaltigere, langlebigere und ressourceneffizientere Produkte. Künftig sollen Informationen etwa zu Herkunft, Materialien, Reparierbarkeit, Energieverbrauch, Wartung und Recycling digital verfügbar sein. Welche Produktgruppen betroffen sind, welche Informationen bereitzustellen sind und welche Fristen gelten, konkretisiert die Europäische Kommission schrittweise in produktspezifischen Delegated Acts. Die Einführung erfolgt daher nicht für alle Produkte gleichzeitig, sondern produktgruppenspezifisch.
Was der Digitale Produktpass wirklich ist
Wer den Begriff Digitaler Produktpass zum ersten Mal hört, denkt häufig an eine digitale Produktakte oder einen elektronischen Ordner mit technischen Dokumenten. Tatsächlich wird der DPP in vielen Unternehmen zunächst genauso diskutiert: als zusätzliche Dokumentationspflicht, die vor allem Aufwand verursacht. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Der Mehrwert des Digitalen Produktpasses liegt nicht in der Menge der gesammelten Daten. Entscheidend ist, dass Informationen über den gesamten Lebenszyklus eindeutig einem Produkt zugeordnet, miteinander verknüpft und dort aktuell verfügbar sind, wo sie benötigt wer-den. So entsteht keine weitere Datenbank, sondern die verlässliche digitale Identität eines Produkts.
Gerade im Maschinen- und Anlagenbau entfaltet der DPP seinen grössten wirtschaftlichen Nutzen. Viele Maschinen bleiben zwanzig, dreissig oder sogar vierzig Jahre im Einsatz. Während dieser Zeit wechseln Ansprechpartner, IT-Systeme verändern sich und Dokumentationen verlieren an Aktualität. Der DPP sorgt dafür, dass das Wissen über ein Produkt nicht verloren geht, sondern kontinuierlich mit dem Produkt mitwächst.
Stand: 08.12.2025
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Dabei geht es keineswegs darum, sämtliche Informationen zentral zu speichern. Vielmehr gilt: In den meisten Unternehmen existieren leistungsfähige ERP-, PLM-, MES- oder Service-Systeme bereits heute. Der DPP ersetzt diese Systeme nicht. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, Informationen aus unterschiedlichen Quellen eindeutig einem Produkt zuzuordnen und sie über standardisierte Schnittstellen verfügbar zu machen. Produktdaten werden damit zu einer strategischen Ressource. Der DPP dokumentiert Produkte nicht nur, er macht sie informationsfähig.
Warum gerade die Schweizer Maschinenindustrie profitieren kann
Auf den ersten Blick könnte der DPP als ein Thema erscheinen, das vor allem Unternehmen innerhalb der Europäischen Union betrifft. Für die exportorientierte Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie wäre diese Einschätzung jedoch zu kurz gegriffen. Viele Schweizer Unternehmen sind eng in europäische Lieferketten eingebunden oder beliefern internationale Kunden, die künftig selbst den Anforderungen der ESPR unterliegen. Damit wird der DPP zunehmend auch ausserhalb der EU zu einer Markterwartung.
Hinzu kommt ein zweiter Aspekt, der gerade für die Schweizer Industrie von besonderer Bedeutung ist. Schweizer Maschinen und Anlagen zeichnen sich durch hohe Qualität, lange Lebensdauern und einen hohen Engineering-Anteil aus. Gerade deshalb profitieren sie besonders von konsistenten und langfristig verfügbaren Produktinformationen. Der wirtschaftliche Nutzen des Digitalen Produktpasses geht für viele Schweizer Maschinenbauer deshalb weit über die Erfüllung regulatorischer Anforderungen hinaus. Für Schweizer Unternehmen eröffnet sich damit die Chance, ihre traditionellen Stärken – Präzision, Qualität und exzellenten Service – mit einer durchgängigen digitalen Informationsbasis zu verbinden. Der DPP wird damit nicht nur zu einem Instrument der Compliance, sondern zu einem Baustein langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.
Der Digitale Produktpass beginnt im Engineering
Der grösste Irrtum besteht darin zu glauben, der DPP entstehe erst mit der Fertigstellung eines Produkts oder durch die nachträgliche Zusammenstellung technischer Dokumentationen. Tatsächlich wird der Grundstein bereits sehr viel früher gelegt: im Engineering. Denn die Informationen, die ein Digitaler Produktpass später bereitstellt, entstehen nicht erst im Service oder im Qualitätsmanagement. Sie werden während der Entwicklung erzeugt: in der Konstruktion, bei der Werkstoffauswahl, in Simulationen, Stücklisten, Softwaremodellen und den Entscheidungen, die Ingenieurinnen und Ingenieure täglich treffen.
Damit verändert der DPP auch die Anforderungen an die Produktentwicklung. Neben Funktion, Qualität und Kosten gewinnt eine weitere Dimension an Bedeutung: die Qualität der Produktinformationen. Schon während der Entwicklung sollte festgelegt werden, welche Informationen ein Produkt während seines gesamten Lebenszyklus begleiten und wie diese konsistent gepflegt werden können. Diese Denkweise eröffnet weit mehr als nur regulatorische Konformität. Sie reduziert den Aufwand für Dokumentation, erleichtert spätere Änderungen, verbessert die Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, Produktion und Service und schafft die Grundlage für eine durchgängige Digitalisierung über den gesamten Lebenszyklus. Der DPP ist damit kein zusätzliches Dokument, das am Ende eines Entwicklungsprojekts erstellt wird. Er wird zu einem integralen Bestandteil moderner Produktentwicklung.
Der wirtschaftliche Nutzen des Digitalen Produktpasses entsteht nicht an einem einzelnen Punkt, sondern entfaltet sich über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts. Bereits während der Entwicklung schafft eine konsistente Datenbasis die Voraussetzung dafür, dass Informationen nicht mehrfach erfasst oder manuell übertragen werden müssen. Änderungen können nachvollziehbar dokumentiert und zwischen Entwicklung, Produktion und Qualitätssicherung effizient ausgetauscht werden.
Mit der Fertigung übernimmt der DPP eine weitere Rolle. Produkt- und Prozessinformationen bleiben eindeutig miteinander verknüpft und bilden eine belastbare Grundlage für Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit. Gleichzeitig vereinfacht er die Bereitstellung technischer Dokumentationen und Konformitätsnachweise. Seinen grössten Mehrwert entfaltet der DPP jedoch häufig erst nach der Auslieferung. Betreiber und Servicetechniker erhalten schnellen Zugriff auf aktuelle Informationen zu Komponenten, Ersatzteilen, Softwareständen oder Wartungsanleitungen. Stillstandszeiten können reduziert und Serviceeinsätze effizienter vorbereitet werden. Auch Modernisierungen oder der Austausch einzelner Komponenten lassen sich deutlich einfacher dokumentieren und nachvollziehen. Am Ende des Produktlebenszyklus unterstützt der DPP schliesslich die Wiederverwendung von Komponenten sowie das Recycling von Materialien. Informationen, die während der Entwicklung entstanden sind, schaffen damit noch viele Jahre später einen konkreten Mehrwert. Der DPP begleitet ein Produkt somit weit über seine Herstellung hinaus. Jede Phase erzeugt neue Informationen. Erst ihre kontinuierliche Verknüpfung schafft den eigentlichen Mehrwert.
Vom Digitalen Produktpass zum intelligenten Produkt
Der DPP ist nicht das Ziel der Digitalisierung, sondern deren Ausgangspunkt: Erst strukturierte und vertrauenswürdige Produktinformationen lassen sich automatisiert aus-tauschen, verknüpfen und durch KI auswerten. Genau hier entstehen die Verbindungen zur Asset Administration Shell (AAS), zum Digitalen Zwilling und zu modernen KI-Anwendungen. Während der DPP die für Nachhaltigkeit, Transparenz und den gesamten Produktlebenszyklus relevanten Produktinformationen bereitstellt, ermöglicht die Asset Administration Shell deren standardisierte Beschreibung und den interoperablen Austausch zwischen Systemen. Auf dieser Grundlage kann der Digitale Zwilling den Zustand und das Verhalten eines Produkts virtuell abbilden. KI-Anwendungen analysieren diese Informationen, erkennen Zusammenhänge und unterstützen datenbasierte Entscheidungen. Für Industrieunternehmen bedeutet dies einen Perspektivenwechsel: Produktinformationen dienen nicht mehr nur der Dokumentation und Compliance, sondern werden zur strategischen Ressource für Entwicklung, Produktion, Service und neue digitale Geschäftsmodelle.
Was Unternehmen heute tun sollten
Auch wenn viele produktspezifische Anforderungen erst mit den Delegated Acts der Europäischen Kommission konkretisiert werden, besteht für Unternehmen kein Anlass, abzuwarten. Im Gegenteil: Die Einführung eines Digitalen Produktpasses gelingt umso einfacher, je früher die notwendigen Grundlagen geschaffen werden.
Der erste Schritt besteht darin, Transparenz über die eigenen Produktinformationen zu gewinnen. Welche Daten liegen bereits vor? Wo entstehen sie? Wer ist für ihre Qualität verantwortlich? In vielen Unternehmen zeigt sich, dass die erforderlichen Informationen grundsätzlich vorhanden sind, jedoch in unterschiedlichen Systemen gespeichert und nicht miteinander verknüpft sind. Ebenso wichtig ist es, den Digitalen Produktpass nicht als isoliertes IT-Projekt zu verstehen. Seine Einführung betrifft Entwicklung, Einkauf, Produktion, Service und Qualitätsmanagement gleichermassen. Erfolgreiche Unternehmen etablieren deshalb frühzeitig eine gemeinsame Datenstrategie und definieren klare Verantwortlichkeiten für ihre Produktinformationen. Der Einstieg gelingt am besten mit einem Pilotprojekt. Anstatt sofort das gesamte Produktportfolio zu betrachten, sollte zunächst eine ausgewählte Produktfamilie oder eine strategisch wichtige Komponente betrachtet werden. Dadurch lassen sich Erfahrungen sammeln, Prozesse verbessern und technische Lösungen schrittweise aufbauen. Unternehmen, die heute beginnen, ihre Produktdaten systematisch zu strukturieren und zu harmonisieren, schaffen nicht nur die Voraussetzungen für zukünftige regulatorische Anforderungen. Sie legen zugleich den Grundstein für effizientere Prozesse, besseren Service und eine stärkere digitale Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen sollten den Digitalen Produktpass nicht erst bei der Dokumentation beginnen, sondern bereits im Engineering mitdenken. Früh strukturierte Produktinformationen verringern den späteren Aufwand.
Fazit
Der Digitale Produktpass ist mehr als eine regulatorische Anforderung. Er macht Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus strukturiert nutzbar und verbessert damit Transparenz, Rückverfolgbarkeit, Entwicklung, Produktion, Service und Recycling.
Für die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie liegt darin die Chance, ihre Stärken in Engineering, Qualität und Service mit einer durchgängigen digitalen Informationsbasis zu verbinden. Zugleich schafft der Digitale Produktpass die Grundlage für Asset Administration Shell, Digitalen Zwilling und industrielle KI. Wer ihn nur als gesetzliche Pflicht versteht, sieht vor allem zusätzlichen Aufwand. Wer ihn als strategische Investition in seine Produktdaten begreift, erschliesst effizientere Prozesse, neue Dienstleistungen und langfristige Wettbewerbsvorteile.